George Mazarakis weiß, dass er Geschichte macht. „Das hier ist größer als O. J. Simpson“, sagt der Fernsehproducer, der morgens um sechs ins Studio im Johannesburger Stadtteil Randburg eilt und erst um elf Uhr nachts wieder nach Hause schlurft: „Was wir hier tun, hat zuvor keiner getan.“

Mindestens drei Wochen lang wird der knapp 60-Jährige vom Ausschlafen nur träumen können. Der untersetzte Südafrikaner, der sonst ein wöchentlich vom Pay-TV-Sender MTN ausgestrahltes investigatives Magazin betreut, managt derzeit als Chefproducer den „Oscar-Pistorius-Prozess-Kanal“: Ein eigens für das Verfahren des beinamputierten Ausnahmesportlers eingerichtetes Programm. 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche werden auf dem Kanal Direktübertragungen aus dem Gerichtssaal, Talkshows zum Thema oder vorproduzierte Hintergrundberichte ausgestrahlt – sie werden über Satellit in Afrika und übers Internet in der gesamten Welt verbreitet. Schon in der ersten Ausstrahlungswoche habe der Kanal quotenmäßig alle anderen Satellitenprogramme übertroffen, sagt Mazarakis. „Und täglich nimmt das Interesse weiter zu.“

Alle reden mit

Tatsächlich hat das Gerichtsverfahren Südafrika in seinen unwiderstehlich erscheinenden Bann gezogen. In den Wartezimmern von Ärzten, Fitnesszentren oder Elektronikläden sind die TV-Geräte auf Kanal 199 gestellt: Davor bilden sich Menschentrauben, die atemlos die Kreuzverhöre des bereits zur Legende gewordenen Pistorius-Verteidigers Barry Roux verfolgen. Keine Dinner-Party, auf der der Fall des gestürzten Sport-Idols nicht leidenschaftlich debattiert wird: Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes kann die Bevölkerung ein live und in voller Länge übertragenes Strafverfahren verfolgen. Und immer neue Details des als „Prozess des Jahrhunderts“ titulierten Justizfalls sorgen dafür, dass die Marathonshow auf Kanal 199 nicht langweilig wird.

Dass es soweit kam, ist in erster Linie George Mazarakis zu verdanken. Außer seinem Arbeitgeber MultiChoice hatte auch ein anderer Sender eine Erlaubnis zur Live-Übertragung vor Gericht beantragt: Doch dessen wenig detailliertes Ansuchen wurde sowohl von der Staatsanwaltschaft als auch von der Verteidigung abgelehnt. Wenn sie bessere Chancen haben wollten, mussten sie sich mehr einfallen lassen , sagt Mazarakis: Die Idee eines in aller Ausführlichkeit informierenden, rund um die Uhr sendenden Kanals wurde geboren. Der Chefproducer überzeugte die Richter nicht nur mit einem technologisch unaufdringlichen Konzept: Statt von Kameraleuten betriebene Gerätschaften sind im Gerichtssaal lediglich drei ferngesteuerte, hinter kleinen Glaskuppeln versteckte Linsen zu sehen.

Vor allem aber versprach der Fernsehmacher, die Live-Übertragung in einen umfangreichen journalistisch aufbereiteten Kontext zu stellen. Auf diese Weise könne die Bevölkerung über die Funktionsweise der Gerichtsbarkeit aufgeklärt und so manches Vorurteil über das angeblich kollabierende Rechtssystem des jungen Staats ausgeräumt werden. Zumindest die Staatsanwaltschaft und der über den Antrag entscheidende Richter ließen sich von Mazarakis Rundum-Paket überzeugen: Gegen den Willen der Verteidigung stimmte Richter Dunstan Mlambo der Live-Übertragung mit nur kleinen Einschränkungen zu (zu denen das Verbot von Naheinstellungen gehört, und dass es Zeugen anheimgestellt wird, nur im Ton statt auch im Bild übertragen zu werden).

Heute profitieren sämtliche internationale Fernsehanstalten, die wie die BBC, CNN oder selbst das chinesische Staatsfernsehen in aller Ausführlichkeit über den Prozess berichten, von Mazarakis Errungenschaft: Ohne seinen Erfolg gebe es aus dem Gerichtssaal kein Bild.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten – ein Fernsehsender zeigte ein Standbild einer Zeugin, die ihrer visuellen Übertragung nicht zugestimmt hatte, der Anwalt Roux las die Handy-Nummer eines Zeugen vor, der daraufhin zahllose, auch Drohanrufe erhielt – hat sich Mazarakis Konzept inzwischen eingespielt. Selbst Verteidiger Roux scheint trotz seines ursprünglichen Widerstands das Rampenlicht von Tag zu Tag mehr zu genießen: Gelegentlich nutzt der Anwalt die TV-Übertragung sogar, um die Glaubwürdigkeit eines Zeugen der Anklage zu untergraben. Vor allem aber weckte das beispiellose TV-Event ein überwältigendes Interesse an der Gerichtsbarkeit, was auch die hektische Aktivität in den sozialen Netzwerken belegt. Der Prozess-Kanal verfügt bereits über mehr als 80 000 Twitter-Jünger und fast 60 000 Facebook-Freunde: Stündlich werden über #oscartrial199 mehr als 1 600 Botschaften versandt.

Mazarakis Angstmomente sind die halben Stunden, die das Gericht immer wieder ohne Vorwarnung unterbricht, und die seine drei Moderatoren mit manchmal peinlich banalem Geplänkel oder sich stetig wiederholenden Zusammenfassungen zu füllen haben. Dagegen ist für die Zeit vor dem Verhandlungsbeginn um 9.30 Uhr und nach dessen Ende um 15 Uhr mit durchaus erhellenden Diskussionsrunden und vorproduzierten Beiträgen gesorgt: Mazarakis sitzt auf einem Fundus von 73 Berichten (etwa über Pistorius’ Prothesen) und zehn einstündigen Dokumentarfilmen (etwa über das Opfer Reeva Steenkamp), von zehn Uhr abends bis sieben Uhr morgens wird ohnehin nur wiederholt. Selbst wenn sich der Prozess wesentlich länger als die drei anberaumten Wochen hinziehen sollte, werde er nicht in Verlegenheit geraten, ist Mazarakis überzeugt: „Die Geschichte wird täglich interessanter, unser Vorrat reicht noch lange.“

Zu viel Wissen schadet auch

Nur eine Frage bleibt noch offen: Wie sich die TV-Übertragung auf den Prozess selbst auswirkt. Dass es Rückkopplungen gibt, ist bereits am immer theatralischeren Stil des Strafverteidigers Roux abzulesen – ein Phänomen, das sich als Bumerang für den aufklärerischen Anspruch des Prozess-Kanals erweisen könnte. Einer Umfrage zufolge zeigen sich zahllose Südafrikaner von der Sezierung der Zeugen durch den scharfzüngigen Anwalt dermaßen schockiert, dass sie es sich überlegen würden, künftig in einem Verfahren als Zeugen zur Verfügung zu stehen: Eine bessere Kenntnis von Justitias Gepflogenheiten kann offenbar auch schädlich sein.