Hans Wallentin (Juergen Maurer) hat nach der Kündigung resigniert.
Foto: ORF/BR/Allegro Film/Petro Domenigg

Eine Geiselnahme ist im Fernsehkrimi fast schon ein Routinefall. Auch hier läuft erst mal das erwartete Programm ab. Nachdem der Wiener Polizei gemeldet wurde, ein Mann mit Pistole habe sich mit der jungen Kellnerin im Lokal „Südpol“ verschanzt, besetzen Spezialkräfte den Böhmischen Prater und die Einsatzleitung versucht, Kontakt mit dem Geiselnehmer aufzunehmen. Dazu stößt der Freund der Überfallenen, der am Morgen erfahren hatte, dass sie von ihm schwanger ist. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes: Der Geiselnehmer will sich stellen – doch die Geisel hält ihn zurück.

Abschied vom bisherigen Leben

Nun springt der Film von Nikolaus Leytner um drei Wochen zurück und erzählt die Vorgeschichte des Mannes mit der Pistole. Hans Wallentin (Juergen Maurer) hat 20 Jahre lang im „mittleren Management-Segment“ gearbeitet und war von einem Tag auf den anderen gefeuert worden. Seiner Familie verheimlicht er die Entlassung, doch seine Frau (Caroline Peters) findet es heraus. Nun gibt der Mann nacheinander alles auf, was sein Leben ausmachte: Er will die Scheidung, verzichtet auf das schicke Haus, lässt seinen Mercedes im Stau stehen, das Geld im Bankautomaten liegen und wirft sein Handy in die Donau.

Der Ausstieg aus dem gutbürgerlichen Leben wirkt aber nicht wie eine lustvolle Befreiung, sondern wird eher lakonisch wie der Ablauf einer Testreihe erzählt. Bitter ist das Geständnis, das Wallentin der Kellnerin Ella im „Südpol“ macht, wo er nach der Entlassung Stammgast geworden ist: „Ich wollte mich von allem trennen, was falsch ist, und habe gemerkt: Dahinter war nichts.“

Kein Weiter, nur ein Zurück

In manchen Motiven erinnert „Südpol“ an „Wilde Maus“, das Regiedebüt von Josef Hader vor drei Jahren. Auch dort wurde ein Mann um die 50 von seiner Entlassung aus der Bahn geworfen und fand sich schließlich in einem Wiener Vergnügungspark wieder. Doch während Haders Held immer aggressiver wurde, zeigt Nikolaus Leytner einen resignierten Mann, dem selbst die Pistole, die er aus Angst vor Überfällen mal gekauft hatte, fremd ist.

Juergen Maurer, viele Jahre am Burgtheater engagiert, dem deutschen Publikum als rauer Kommissar in der ZDF-Krimireihe „Neben der Spur“ bekannt, beweist in dieser Charakterstudie, dass er auch zu leisen Tönen und knappem Spiel fähig ist.

Die Filme vom ORF brechen nicht nur oft mit dem Krimiregeln, sondern präsentieren frische Gesichter: Hier ist es Lily Epply, die als gut aufgelegte Kellnerin Ella zunächst den Gegenpart zum passiven Gast spielt, als Geisel dann aber auch ihr Leben in Frage stellen muss. Die Dialoge der beiden sind spannender als die Krimihandlung ringsherum. Und wie es schon der Lokalname „Südpol“ verrät: Von hier an gibt es kein Weiter – nur ein Zurück.

Südpol Mi, 11.3., 20.15, ARD