Superman, so lernen wir von Quentin Tarantino im Programmzettel, ist der einzige Comic-Held, der wirklich übersinnliche Fähigkeiten hat. Er ist kein Bürger, der sich zum Helden hoch rüstet (wie Batman), sondern ein Held, der sich als Bürger verkleiden muss.

Die „Süpermänner“ am Ballhaus Naunynstraße sehen auch verkleidet aus: fünf türkischstämmige Männer aus drei Generationen, alle in edelgrauen Anzügen, mit schmalen Krawatten. Ein Einheitslook als Schutzschild für die sehr unterschiedlichen Helden- und Antiheldengeschichten, die an diesem Abend zur Sprache kommen.

Da ist der junge Tarkan Bruce Lohde, der berichtet, wie es ist, als Halbtürke Berufssoldat der Bundeswehr zu sein. Oder Celal Sert, der seine beiden Söhne kurz vor dem Abitur an einen fundamentalistischen Korankreis verlor. Und der leise Dursun Güzel, Mitgründer der Selbsthilfegruppe „Aufbruch Neukölln“, der mit warmem Timbre auf Türkisch erzählt, wie er seiner Frau nach Jahren der Ehe erstmals Blumen schenkte (der überwiegend deutschsprachige Abend ist übertitelt).

Klischee der „teetrinkende Patriarchen“

Das öffentliche Ausleuchten von eigenen Lebenserfahrungen und Sorgen, das ist hier der Heldenakt. Man tritt gegen das Klischee an, dass türkische Männer samt und sonders „teetrinkende Patriarchen“ sind, ihre Familie drangsalieren und nach außen den Macho mimen. Tatsächlich spielen Gewalterfahrungen in der Kindheit in vielen der Erzählungen eine Rolle. Gewalterfahrungen, die sich bis in die Gegenwart verlängern: Wie ein Krimi mit durchaus kitschigen Wendungen klingt Cengiz Korkmaz’ Werdegang mit einem Eheleben voller Geldschulden bis zur Idee, sich mit Raubüberfällen zu sanieren. Die Überfälle gelingen mehr schlecht als recht, weil Korkmaz zu skrupulös ist. In den Knast kommt er trotzdem und wird dort zum Bibelgläubigen.

Die Regisseurin Idil Üner, selbst bekannt als Filmschauspielerin etwa in „Gegen die Wand“ von Fatih Akin (weshalb viel Presse zur Premiere kam), zieht sich ganz hinter die Berichte zurück. Die Männer sitzen im Halbkreis unter einem Meer aus Glühbirnen und treten für ihre Geschichten der Reihe nach einzeln nach vorn. Gewichtungen und Pointierung hätten gut getan. Einzig Ilker Abay (selbst Filmemacher) spielt offen mit dem Diskurs und durchwitzelt zart die Stereotypen. Es gäbe nur einen Klassenkampf, sagt er einmal: den zwischen Mann und Frau. Und später rekapituliert er ein Gespräch mit seiner zweijährigen Tochter Roja: „Roja, bist Du Kurdin?“, habe er sie gefragt. „Nein, ich bin lila und du blau.“

Ein Pianist begleitet die Süpermänner mit gedämpften Noten. Erst bei der Applausordnung kommt richtig Leben in der Bude. Türkische Musik hebt an, alle tanzen lässig, das Publikum klatscht mit (die Deutschstämmigen tun sich etwas schwerer). Warum, denkt man bei sich, nicht gleich so? So mit Lockerheit in Süperhelden-Verkleidung? Es hätte dem allzu edelmaßgeschneiderten Dokumentartheaterstückchen Pepp gegeben.

Süpermänner bis 15. April, tgl. 20 Uhr im Ballhaus Naunynstraße, Tel.: 75453725