Der Musiker Sufjan Stevens.
Foto: Evans Ricahrdson

Sufjan Stevens galt einst als ein Musiker, der über jeden Bundesstaat der USA ein Lied schreiben wollte. Mit seinen Alben „Michigan“ und „Illinois“ hatte der 45-jährige Amerikaner in den frühen Zweitausenderjahren bereits damit angefangen. Und warum auch nicht? Keiner schien die Helden, Schurken und Wahrzeichen seines Landes mehr zu lieben als Stevens selbst.

Eins aber scheint sich in den letzten Jahren verändert zu haben: Der zurückhaltende Musiker wurde lauter, politischer, dringlicher. Auf seinem Tumblr-Blog äußerte er sich etwa gegen Trumps Einwanderungspolitik. Er sinnierte über die Grenzen der amerikanischen Demokratie und schrieb sogar einen Artikel für die „Washington Post“ zur Lage der Nation. Für einen Künstler, der stets versucht, der Gefälligkeit der Masse zu entgehen und daher immer wieder seinen Stil verändert, muss der Schritt in die Öffentlichkeit nicht leicht gewesen sein. Doch Stevens, so singt er mitunter in seinem Lied „America“ – aus dem neuen Album „The Ascension“ –, schien es unumgänglich.

In dem knapp dreizehnminütigen Stück offenbart er, er habe seinen Glauben verloren, auch seine Liebe zum Land. „Tu mir nicht an, was du Amerika angetan hast“, heißt es dort immer wieder, begleitet von einem herrlich-elektronischen, mit kräftigem Synthesizer unterlegten Beat, über dem seine Stimme wie aus einer anderen Zeit hinüberhallt. Wenn der letzte landstreue Musiker dem großen Land ein Abschiedslied widmet – was bedeutet das dann für Amerika?

Sufjan Stevens will im System nicht mitspielen

Bemerkenswert ist, dass Stevens den Song bereits im Jahr 2014 schrieb, als er sein vorheriges Folkalbum „Carrie & Lowell“ produzierte, eine Platte, die er seiner toten Mutter widmete. Das Lied erschien ihm damals zu böse, drum lies er es liegen – nicht ahnend, dass es später den perfekten Soundtrack liefern würde für ein Land mit tobendem Präsidenten, im Begriff sich selbst abzuschaffen.

Es wäre zu einfach, Stevens neues Werk nun einzig und allein auf seine einstige Liebe zur USA zu beziehen. Wie der Musiker selbst sagte, ist „The Ascension“ ein Aufruf zur persönlichen Transformation, und eine Weigerung, „mit den Systemen um uns herum mitzuspielen“. Dazu gehört mehr als nur die Ablehnung von Trumps Politik.

In dem traumhaften Synth-Pop-Stück „Video Games“ reflektiert er beispielsweise darüber, nichts mit Social Media zu tun haben zu wollen, während das trancehafte „Sugar“ nun ein Leben mit Liebe und Respekt fordert. Die Hass- und Wunschliste Stevens ist lang. Doch das sind seine Fans sowieso gewohnt. Wenn es einer geschafft hat, gleichzeitig als zurückhaltender und fordernder Songschreiber zu gelten, der bis heute intensiv nachwirkt, ist es Sufjan Stevens. Dies gelingt ihm auf seinem neuen Werk besser als je zuvor. 

Sufjan Stevens – „The Ascension“ (Asthmatic Kitty/Cargo)