Nein, es stimmt nicht, dass die Suhrkamp-Prozesse eine Erfindung des Feuilletons seien, weil sie aus einer Art Fortsetzungsroman stammten. Es stimmt auch nicht, dass dieser Roman ein schlechter Roman wäre. Es stimmt aber, dass die Prozesse weiter gehen. Was hingegen nicht stimmt, ist, dass „das Recht die Niederlage der Vernunft ist“, wie es dem Schriftsteller Rainald Goetz einmal zum Suhrkamp-Fall entfuhr. Im Gegenteil: Das aktuelle Urteil von Dienstag ist von geradezu salomonischer Weisheit.

Kein Kunststück allerdings, denn diesmal wollten beide Kontrahenten dasselbe, nämlich sich gegenseitig als Gesellschafter des Verlags ausschließen. Das Landgericht Frankfurt hat gestern zwei entsprechende Klagen von Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach in einem Aufwasch zurückgewiesen. Beide Seiten hätten erhebliche Treueverletzungen begangen. In einem solchen Fall könne die Gesellschaft nur aufgelöst, nicht aber ein Gesellschafter ausgeschlossen werden. Logisch, oder?

Treueverletzungen laut Gericht: Berkéwiczs Kauf einer Villa in Berlin ohne Abstimmung mit den Kommanditisten und der private Kauf eines Konzertflügels auf Kosten der Gesellschaft. Barlach hingegen ließ sich die Blockade der neuen Suhrkamp-Zentrale zu Schulden kommen und geschäftsschädigende Äußerungen über seine Mitgesellschafterin.

Inzwischen finden rechtsphilosophische Debatten über die Behandlung des Verlags statt. Die Suhrkamp-Rechtsprechung verläuft in einer Weise, die man hinsichtlich der Konstruktion eines Romans polyperspektivisch nennen würde. Recht wird hier nicht einfach gefunden, sondern ihm wird sich von verschiedenen Perspektiven aus genähert. In der bildenden Kunst würde man auch von Kubismus sprechen. Justitia ist hier mal nicht blind, sie malt nur wie Picasso.

Also doch eine Feuilletonerfindung? Jedenfalls geht es weiter: Hans Barlach wirft der Familienstiftung von Ulla Berkéwicz vor, sie habe noch immer nicht erklärt, dass sie auf ihre Gewinnforderung von 4,5 Millionen Euro verzichte, wie es ihr eigener, jüngst von den Gesellschaftern akzeptierte Insolvenzplan vorsieht. Suhrkamp hingegen erklärt, dies werde erst zusammen mit einem noch ausstehenden Bewertungsgutachten erfolgen.

Weiterhin hat Barlach laut Welt angekündigt, Verfassungsklage gegen die Insolvenzeröffnung einzureichen, deren Schlusspunkt, nämlich der Sanierungsplan, erst kürzlich durch die Gläubiger unter großem Jubel angenommen worden war. Für das kubistische Gemälde wäre diese Verfassungsklage so etwas die zweite Nase von Dora Maar, die Picasso so gerne zugleich von vorn und von der Seite malte.