Der deutsche Verleger Siegfried Unseld (von links nach rechts), der deutsche Schriftsteller Magnus Enzensberger und die deutsche Schriftstellerin und Lyrikerin Nelly Sachs mit dem zur Tagung eingeladenen schwedischen Schriftsteller Bengt Holmquist, aufgenommen am 10. September 1964 beim Jahrestreffen der Gruppe 47 im schwedischen Sigtuna.
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BerlinSiegfried Unseld (1924–2002) wurde 1952 Angestellter des Suhrkamp-Verlages in Frankfurt am Main. Nach dem Tod Peter Suhrkamps im Jahre 1959 übernahm er als alleiniger Verleger den Suhrkamp-Verlag. Damals begann der Aufstieg des Hauses zu einem der angesehensten Literaturverlage der Welt. Raimund Fellinger (1951–2020) wurde dort 1979 Lektor, und er blieb dort von 2006 bis zu seinem Tod in diesem Jahr in der Rolle des einflussreichen Cheflektors. Als eine seiner letzten Arbeiten bereitete er noch Unselds „Reiseberichte“ aus den Jahren 1959 bis 1998 für den Druck vor.

Siegfried Unseld war ein Berserker. Ein Mann, der ein riesiges Arbeitspensum bewältigte und daneben noch ein ausschweifendes Privatleben führte. Von letzterem ist in diesem Band nicht die Rede. Hier sind 35 Berichte zu lesen, die Unseld von seinen Geschäftsreisen verfasste. Raimund Fellinger suchte sie aus über 1500 heraus. Es sind Aufzeichnungen, in denen sich die Zusammenfassungen der Eindrücke von Ländern und Leuten mischen mit Hinweisen an die Mitarbeiter des Verlages, die auf diese Weise informiert wurden über Vereinbarungen, die mit Autoren, anderen Verlagen, der Presse oder auch mit Politikern getroffen wurden. Wir bekommen Einblicke in die beeindruckende Doppelexistenz eines Verlegers, der einerseits mit Autoren über ihre Texte spricht, der anderseits aber auch sehr genau festgelegt wissen möchte, wer wie viel Geld bekommt und welche Institutionen man um finanzielle Unterstützung angehen muss, um zum Beispiel eine deutsche Buchreihe in einem russischen Verlag zu starten.

Die erste hier dokumentierte Reise führt Unseld in die Hauptstadt der DDR, ins Brecht-Archiv. Er hat Gespräche mit Elisabeth Hauptmann und Helene Weigel. Im Westen besucht er die Buchhandlung Schoeller. Der letzte hier abgedruckte Reisebericht stammt vom Mai 1998. Es ist eine Fahrt nach München zur Beerdigung des Autors Hermann Lenz. Unseld nutzt den Termin und verhandelt mit Enzensberger, der zu seinem 70. Geburtstag lieber keine „Gesammelten Gedichte“ haben möchte, das sehe doch ein wenig zu endgültig aus. Die beiden gehen dann noch zusammen in die Buchhandlung Lehmkuhl.

Sehr schön ist der Bericht vom Juli 1969 in München. Junge Autoren planen eine Zeitschrift. Unseld soll zahlen, aber nichts zu sagen haben. Ein Wunsch, der zur Autoren-DNA zu gehören scheint. Aus der Zeitschrift wurde nichts. Peter Handke weist Unseld darauf hin, Erika Runges Interviews hätten einen „denunziatorischen“ Charakter. Sie spreche in ihnen klares Hochdeutsch, die Antworten wären aber in bewusst verstümmelter Sprache wiedergegeben. „Das sei, so sagt Handke, nicht nur ungerecht, sondern zum Kotzen. Wir sollten diesen Punkt doch unbedingt beachten.“ Ich habe den entsprechenden Band aus der Reihe der Edition Suhrkamp leider nicht zur Hand. Schade. Ich wüsste gerne, wie Runges Interviews aus der Arbeitswelt Eingang fanden in die Suhrkamp-Kultur. Handke hatte sicher recht mit seiner Kritik, aber es gibt auch gute Gründe dafür, die Menschen so sprechen zu lassen, wie sie nun einmal sprechen. Aber man erinnert sich doch daran, wie viel die damalige „Hinwendung zur Arbeiterklasse“ etwas von einem Zoobesuch hatte.

Bücher aus der Vergangenheit werfen immer auch ein erhellendes Licht auf die Gegenwart. Seine Aufzeichnungen über einen Japan-Besuch beginnt Unseld mit einem Zitat aus einem Buch des damals (November 1985) überaus erfolgreichen Zukunftsforschers Herman Kahn: „Das 21. Jahrhundert wird den Japanern gehören.“ Es spricht wenig dafür, dass unsere Vorstellungen von der Zukunft zutreffender sein werden als die damals. Den Aufstieg Chinas sah damals kaum jemand voraus.

Vom 30. April bis zum 4. Mai 1989 war Siegfried Unseld in Israel. 18 Seiten umfasst sein darüber angefertigter Bericht, ein Stück diktierter Literatur. An manchen Stellen ein wenig überambitioniert, aber sehr schön, wenn Gershom Scholems Witwe Fania die mitgebrachte Orchidee, die Unseld als „schön und teuer“ bezeichnete, mit den Worten kommentiert: „Ja diese Blumen wachsen hier wie Mist.“ Fania war Scholems Schülerin gewesen, stammte aus der Ukraine, aber in diesem Satz glaubt man Scholems Berliner Schnauze zu hören und ist gerührt.

Siegfried Unseld: „Reiseberichte – Verlegererfahrungen aus 60 Jahren“, Bibliothek Suhrkamp, 378 Seiten, 26 Euro.