Im Jahr 1941 erhielt Herman Poole „Sonny“ Blount den Einberufungsbefehl in die US-Armee. Nach einigen Einsprüchen erschien Blount mit der Bibel in der Hand vor Gericht, wo er sich, unerhört im segregierten Süden der USA, selbst verteidigte und erklärte, wenn man ihn zwinge, das Töten zu lernen, werde er das Handwerk zuerst an den vorgesetzten Militärs ausprobieren. „Du bist“, zitiert sein Biograf John Szwed den Richter, „der seltsamste Nigger, den ich je gesehen habe.“ Blount antwortete: „Genau. Und Sie werden auch nie mehr einen wie mich sehen.“

Kaserniert wurde er, für kurze Zeit, dennoch. Grundsätzlich verändert sei er zurückgekehrt, wütend auf die Regierung, die Stadt, die Familie und die Freunde, die ihn nicht besucht hatten – es war neben der Entführung durch Außerirdische in den Vierzigerjahren zweifellos einer der initialen Momente auf seinem Weg zum Saturnabgesandten Sun Ra, dem ersten musikalischen Afronauten der USA, einem rastlosen Reisenden durch die Stile und Wege seiner Zeit, einem Lehrer, Mythologen, Aufklärer und Verwirrer. Bekanntlich folgten etliche afroamerikanische Künstler – vom Funk-Revolutionär George Clinton über HipHopper wie Kool Keith und Outkast – seinem Vorbild und erfanden sich vor dem Hintergrund rassistischer Ausgrenzung als kosmisch aufgeklärte Aliens neu. Aber keiner verwarf die irdische Identität so konsequent wie Sun Ra.

Gelandet war er dabei ganz konventionell am 22. Mai 1914 in Birmingham, Alabama, der, so Szwed, am stärksten segregierten Stadt der USA, mit einem getrennten Viertel für afroamerikanische Geschäfte und dem mitgliederstärksten KuKlux-Clan des Landes. Entsprechend erklärte Ra, er habe erst durch die Militärzeit Bekanntschaft mit der weißen Welt gemacht. Als Schüler klug und diszipliniert, erwies er sich als eine Art pianistisches Wunderkind, das schon mit 14 in der Lage war, nach Konzerten die Arrangements von Songs aus der Erinnerung zu notieren und später seine Mitmusiker mit Virtuosennummern von Rachmaninoff und Tschaikowski beeindruckte. Das Musikstudium in Birmingham brach er jedoch ab, um in Chicago mit Swing-Musikern wie Fletcher Henderson zu spielen, bevor er 1952 das Arkestra gründete. Er nahm offiziell den Namen Le Sony’r Ra an und baute sein Ensemble bis Ende der Fünfziger zu einer verschworenen, beinahe sektenartigen Gemeinschaft aus.

Die Auftritte seiner Big Band inszenierte er seit dieser Zeit als unberechenbare Spektakel, wobei die Mitglieder der familiär bis sektenartig zusammenlebenden Band ihre Umwelt auch im Alltag mit ihren schillernden, retrofuturistischen Kostümen verblüfften. Dazu entwarf er eine Kosmologie, die zwischen afrozentrischen Lehren und universalistischen Liebesbotschaften oszillierte und dabei ebenso hintersinnig wie überzeugt aus Astrologie und Astronomie, Naturwissenschaft, Numerologie, Ägyptologie, Bibelkryptologie und der Mythologie der Black Muslims schöpfte: „In vielen Dingen halte ich mich an die Bibel“, erklärte er einmal. „Da heißt es etwa, Gott mache törichte Dinge, um die Welt zu verblüffen. Ich halte Comics für töricht – also lese ich sie alle. Schließlich konnte man dort zuerst von der Atombombe erfahren.“

Nicht weniger verwirrend entwarf er seine Musik, in der sich Blues und Swing, Easy Listening, Doo-Wop, Hard Bop und Free Jazz scheinbar unkontrolliert, tatsächlich mit höchster Disziplin abwechseln, vermischen und auflösen konnten. So hört man etwa in „Otherness Blue“, einem kleinen poppigen Fünfminüter von 1969, in einen klassisch-schubbernden Hammondorgelgroove zu Walking Bass plötzlich ein freies Saxophon; in freie Langstrecken wie „Space is the Place“ mischen sich tribalistische Chants seiner „Space Ethnic Voices“ zu sirrenden Flöten und Farfisasounds, brummelnden Bassbläsern und endlos klappernder Percussion; und in Stücken wie „Code of Interdependence“ stachelt er seinen Mini-Moog zu den wildesten, schrägsten Geräuschen der Welt an.

Denn seit Mitte der Sechziger experimentierte er in der eigenwillig flirrenden, beweglichen Tonalität seiner Musik – produziert durch kleine farbliche Verschiebungen in den Tonhöhen der Arrangements und eine Vorliebe für dunkle Instrumente – mit den neuen elektronischen Instrumenten, die er sich bei Robert Moog holte und eigenhändig veränderte. „Der Synthesizer“, sagte er, „fordert einen ganz neuen Zugang, sowohl technisch wie im gesamten instrumentalen Ansatz. Er ist eine enorme Herausforderung für die Musik.“

Karlheinz Stockhausen, der kosmische Musikant der deutschen Hochkultur (und selbst ernannte Abgesandte des Planeten Sirius), wunderte sich anlässlich eines Konzerts 1971, wie das Arkestra einerseits „erstklassige Avantgarde-Experimental-Musik, die in keine Schublade passt“, spiele, und andererseits „Wischi-Waschi-Salonmusik“, die ihn an „billige Filmmusik“ erinnere. „Genie oder Scharlatan?“ zitiert Szwed die Überschrift einer deutschen Konzertrezension, die im wesentlichen das Verhältnis der Welt zu Sun Ra auf den Punkt bringe.

Denn diese reagierte natürlich nicht nur mit Begeisterung auf Ra, der sich weder sexuell noch ideologisch, ethnisch oder musikalisch zugehörig erklärte. „Ihr seid doch selbst ein Mythos“, erklärte er jungen Black Panthers auf die Frage, ob er „real“ sei. „Sonst müsstet ihr ja nicht um Anerkennung kämpfen.“

Zumal nach seinen europäischen Erfolgen warf ihm zum Beispiel die Sängerin Betty Carter vor, sich als Minstrel für „Whitey“ zu verkaufen – obwohl Ra auch als unternehmerischer Pionier seit den Fünfzigern sein eigenes Label betrieb, wo er unermüdlich veröffentlichte. Weiße Kritiker wiederum fühlten sich durch seine frühe „Astro-Black Mythology“ gekränkt, die andererseits die afroamerikanische Gemeinde vor allem zur Selbstaufklärung aufrief.

Dabei weist Sun Ras Geschichte auch 21 Jahre nach seinem Abschied vor allem in die hochaktuelle Moderne: als fröhliche Weigerung, die Gültigkeit der Verhältnisse zu akzeptieren und die individuelle Verstrickung darin leichthin zu dementieren. „Happy Space Age to you“ schloss er ein kleines Gedicht, dass er anlässlich der ersten Mondbegehung statt gewichtigen Worten dem Esquire-Magazin diktierte. Das wünschen wir ihm zum Hundertsten auch von hier aus.