Die Symptome sind leicht erkennbar: Sie öffnen S-Bahn-Türen mit dem Ellenbogen, zücken nach unvermeidlichen Berührungen mit Handläufen und Türklinken ihr Desinfektionsgel und stehen bei Ärzten lieber auf dem Flur, als sich ins virenverseuchte Wartezimmer zu setzen. Zu Hause recherchieren sie im Internet über Krankheiten, an denen sie zu leiden glauben. Dabei hätten sie nur einen einzigen Suchbegriff eingeben müssen: Hypochondrie. Was im Zeitalter der Körpersäfte-Lehre als „Milzkrankheit“ bezeichnet wurde, ist heute als psychiatrische Erkrankung klassifiziert. Deutschland weist laut WHO übrigens eine der höchsten Hypochondrie-Raten auf.

Ein guter Boden also für den Film von Dany Boon? Lässt sich Hypochondrie überwinden, indem man darüber lacht? Wohl kaum. Aber dies ist in diesem Film auch nicht von Belang. In Dany Boons Komödie ist die Hypochondrie eine Metapher und keine klinische Zustandsbeschreibung, wenngleich die Hauptfigur Romain Faubert (Dany Boon) ein wirklich gravierender Fall ist. Ein Mann Ende Dreißig, der seinen aseptischen Schutzraum zu Hause am liebsten niemals verlassen würde. Ein Sozialphobiker, bei dem schon das landesübliche Küsschen-Ritual bei Begrüßung und Abschied zu Panikattacken führt. Kurzum: Ein schwer gestörter Mensch. Doch Dany Boon lässt ihm in seinem Spiel einen Normalitäts-Rest, nur deshalb funktioniert dieser Film so gut.

Hypochondrie als Metapher zu sehen heißt von Einsamkeit zu erzählen. Und das, so sagt es Fauberts Arzt Dimitri Zvenka, „ist die schlimmste Krankheit unserer Zeit.“ Statt einen stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik verschreibt er seinem hassgeliebten Dauerpatienten die Kollision mit dem Leben. Er meldet ihn bei einer Partner-Agentur an, lädt ihn zu Partys ein, doch die Ergebnisse dieser Pseudotherapie sind erst einmal desaströs. Einmal wird Faubert nackt und voller Seifenschaum auf die Straße geworfen – da hatte er sein Rendezvous zuvor unter die Dusche gezerrt und ausgiebig geschrubbt, was die Frau erst interessant, dann aber pervers fand.

Aus dem Konflikt zwischen Problem und Vermeidungsstrategie erwächst jene drastische Komik, wie sie schon aus „Willkommen bei den Scht’is“ bekannt ist. Dany Boon ist seiner Figur, dem unbeholfenen, schwer vermittelbaren, aber liebenswerten Tölpel, auch mit diesem Film treu geblieben. Und wie bei den „Scht’is“ ist es der souveräne Kad Merad, der dem Gehandicapten den Weg ins Leben und natürlich zur Liebe ebnet.

Als der Arzt merkt, dass ausgerechnet seine Schwester (Alice Pol) in den Genuss erster Heilungserfolge gerät, spürt man, dass dieser die Hypochondrie seines Patienten doch nicht nur als Metapher betrachtet hat. Dany Boon hätte dem nun Raum geben können, doch dann wäre die Komödie vielleicht ins Psychodrama gekippt. Boon aber bleibt bei seinem erprobten Action-Humor, verfrachtet sein Personal im Lauf einer Verwechslungskomödie in die Bunkerkulisse einer postsozialistischen Diktatur und wirbelt nur so mit Klischees. Dies alles wird in einem furiosen Tempo und mit jener angenehmen Verrücktheit inszeniert, aus der Boon schöpft. Er ist ein Grenzgänger, bestimmt, und vermutlich nie ohne sein Handgel unterwegs.

Superhypochonder Frankr. 2013. Buch & Regie: Dany Boon, Kamera: Romain Winding, Darsteller: Dany Boon, Alice Pol, Kad Merad u.a.;107 Minuten, Farbe.