So sieht "Kill your darlings" aus.
Illustration: Susanne Schirdewahn

BerlinIch hab das Prinzip von „Kill your darlings“ nie so ganz verstanden. Der Witz daran: Ich mach das jeden Tag. Automatisch. Ich denke mir tolle Sätze aus, liebe sie prompt und vergesse sie nach einer Minute wieder.

Mann, vielleicht wäre ich inzwischen weltberühmt, würde ich mir wenigstens einen davon mal aufschreiben. Gut. Ich praktiziere das schon hin und wieder. Die Sätze schillern dann so vor sich hin, und wenn es gut läuft, bin ich so in Schwung, dass ich in mein Atelier fahre und – getragen von dem Erfolgserlebnis – gleich mal ein großes Bild male.

Das Problem beim Bildermalen ist ähnlich. Es entstehen dauernd super Stellen, in die ich mich verknalle. Aber ich weiß auch, dass ich die irgendwann wieder übermalen muss, damit das Bild als ganzes gut wird und nicht nur eine einzige Stelle. Warum erzähle ich das alles? Um irgendwann dazwischen einen wahren Satz zu texten?

Nein. Ich lebe gerade auch in einer „Kill your darlings“-Zeit. Vieles von dem, was mir lieb war, darf ich nicht mehr. Tanzen. Bekannte umarmen. In meinen Lieblingsnähladen gehen und mir ein Knäuel Wolle kaufen. Er hat dichtgemacht. (Strickt denn niemand mehr?) Es hat auch sein Gutes, bete ich mir stündlich vor: Ich kann mehr in der Natur herumspazieren und vielleicht öfter einen schönen Satz in mein Tagebuch schreiben. Ich habe mehr Zeit! Habe ich doch, oder?

Neulich wollte ich das ausprobieren. Ich habe den Computer zugeklappt, der nach sieben Stunden Homeoffice ziemlich heiß war. Ich bin aufs Rad und ins Atelier. Nicht zum Malen, nein! Ich habe Besuch empfangen. Eine Freundin, die ich nur einmal im Jahr sehe, was mich denken lässt, dass wir schon viel zu oft unsere Treffen aus dem Kalender gestrichen haben (war ja immer irgendwas los, nur was?)

Also, Karo kam in mein Studio. Etwas befangen standen wir voreinander, leuchteten uns an, warfen uns den fatalen Satz zu: Wie geht es dir? Und ja, dann haben wir uns umarmt. Krass. Darf ich das schreiben? Karo meinte noch im Flug der Körperlichkeit: dass sie mal gelesen hätte, Babys würden sterben, wenn man sie nicht berührt. Uff. Wir haben uns gleich wieder losgelassen. Wobei ich schon gemerkt habe, dass ich ein seltsam esoterisches Lächeln hatte.

Zur Verarbeitung sind wir dann auf ein Getränk rüber in meinen Raum. Ich habe ihr gezeigt, was ich in den letzten Wochen Isolation so geschaffen habe und kam mir ein wenig wahnsinnig vor, weil da schon ziemlich viele Bilder rumstanden. Irgendwo dazwischen auch eine Rolle, wegen der Karo zu mir gekommen war.

Wir hatten die Leinwand zusammen gestaltet. Das war anlässlich eines Events mit Leuten aus der Wirtschaft. Wir haben einen Workshop gegeben, die Teilnehmer haben sich auf die Leinwand gelegt, wir haben ihre Umrisse genommen und die Körper dann ausgemalt. Und auf diesem Bild lagen zwei Körper aufeinander. Eigentlich. Denn als wir es ausrollten, fehlte die Hälfte. Ich habe anscheinend irgendwann den unteren Teil abgeschnitten, um eine neue Leinwand zu beziehen. Karo lachte nur, als sie das sah. Okay, meinte sie. Sieht nach „Kill your darlings“ aus. Wie auch immer, sie schaut mal, was sie mit dem Rest macht. Auseinanderschneiden, neu zusammenkleben. Bestimmt wird das was ganz, ganz Besonderes.