So sieht die Sehnsucht nach Leichtigkeit aus.
Illustration: Susanne Schirdewahn

BerlinIch bin davon überzeugt, dass zu einer guten Liebe die Sehnsucht quasi als rosa Pfefferkorn dazugehört. Rosa Pfeffer mögen nicht so viele, meist mehr Frauen als Männer, und meist sind es auch Frauen, die seufzen: Schatz, ich habe Sehnsucht. Wonach, ist dann eh meistens zweitrangig. Für mich ist das mit der Sehnsucht sogar so, als würde ich mich nur vom Pfeffer ernähren wollen. Mehr brauche ich im Grunde nicht.

Daran denke ich, während ich mit einer Flasche Bier und einer Kippe im Mauerpark in der Sonne sitze. Was ist denn die Voraussetzung dafür, dass es die Sehnsucht überhaupt gibt? Ganz klar: Abstand. Körperlicher. Am besten kombiniert mit dem Versprechen von gedanklicher Nähe – von wegen, ich bin mal kurz in Übersee, aber ich denke den ganzen Tag nur an dich, und wenn es nicht mehr auszuhalten ist, setze ich mich ins Flugzeug und bin sofort bei dir.

Ich hatte schon viele Fernbeziehungen, ich kenne mich da aus, mit allen Verkehrsmitteln und diesem Säuseln am Telefon, dass man es gar nicht mehr aushalten kann. Manchmal habe ich sogar gedacht, dass ich den süßen Schmerz des Vermissens (kombiniert mit dem Vermisstwerden) mehr liebe als den Menschen, um den es dabei geht.

Denn leider habe ich auch schon einige Male die Erfahrung gemacht: Wenn man dann bekommt, wonach man sich verzehrt hat, ist es oft ein klitzekleines bisschen weniger interessant, weil der Abstand fehlt.

Wie gesagt, ich sitze in der Mauerpark-Sonne, nehme Zug um Zug und Schluck um Schluck, obwohl ich weiß, dass hinterher viele sagen werden: Rauch mal lieber nicht! Und: Trinken hilft auch nicht gegen die Sehnsucht! Und: Sag mal, wie viele saßen denn da eigentlich, schlimm, dass die nicht alle auf Abstand achten.

Ich habe Sehnsucht nach Leichtigkeit. Ich weiß, sie ist auch kein zuverlässiger Partner, und wenn ich sie wieder treffe, ist es auch gleich viel weniger interessant und aufregend mit ihr. Vielleicht sogar belastend, weil ich sie fragen werde: Hey, wo warst du denn die ganze Zeit, ich habe dich doch vermisst. Bestimmt wäre sie gleich eingeschnappt und würde sich beschweren, dass Vorwürfe nun gerade nicht dabei helfen, sich leicht zu fühlen. Stimmt.

Über dem Rand des Bieres sehe ich die Sonne langsam sinken. Mann, das passiert jeden Tag und ist immer wieder verdammt schön. Vielleicht auch, weil ich weiß, dass sie ja am anderen Morgen wieder aufgehen wird. Sonnenaufgang! Da freue ich mich gleich wieder auf den Untergang, das wird super. Und morgens wieder das Aufblühen, Kaffee auf dem Balkon und die Blumen gießen. Mal sehen, wie es sich dann anfühlt, wenn es so weit ist. Wahrscheinlich müde.

Schade, dass man keine Sehnsucht zu sich selbst haben kann. Ich bin ja immer da, bei mir, mit mir, wegen mir und für andere, meine zwei Jungs. Ich will jetzt mal Abstand halten. Dann kommt vielleicht auch wieder so ein ungeahntes bittersüßes Liebesgefühl zurück. Für mich. Und dann natürlich auch für die anderen. Für alle! 

Hey, ich spüre schon die leichte Schärfe, diesen Impuls, noch mehr Pfeffer auf alles zu streuen. Rosa, schwarz, grün, egal. Hauptsache mal wieder merken, weil scharf die Sehnsucht ist. Hauptsache ist doch, dass sie funktioniert. Es ist nur eine kleine Schraube in der Seelenmechanik, ein geölter Hebel, den ich nur umkippen muss, um sie wieder zu haben: Ach, ach, ach.