Im dritten Studio-Raum des Hauses am Lützowplatz wohnt die Abwesenheit. Die Stille der Leerstellen dröhnt umso lauter wegen des Furors, den man hinter sich hat. Keine Frage: Die Ausstellung „Wort zu Bild“ ist kein Ort für Gemüter, die das Abenteuer der tanzenden Assoziationen scheuen.

In diesem Raum fehlen Wort und Bild. Die zusammengekauerte Frau auf der mannshohen Fotografie von Nina Ansari hat kein Gesicht, weshalb der erste verträumte Eindruck von einem Mensch im Sternenregen oder im Rund der Diskokugel-Lichter schnell einer Unruhe weicht. Man ahnt: Es ist nur ein Blitz, der das Gesicht zum Verschwinden bringt. Doch wo kein Antlitz ist, kein Blick, da herrscht Sprachlosigkeit. „War“ heißt die Arbeit, „Krieg“.

Was Bilder in uns auslösen in einer Zeit, in der sie zunehmend Worte ersetzen, ist eine der zentralen Fragen, die die Künstlerin und Kuratorin Susanne Schirdewahn in dieser Schau stellt. In einer Zeit, in der auch Sprache immer mehr zu Symbolik erstarrt, in Tweets und gebellte Kommentare gezwängt wird, in der alles schnell gesagt werden muss – „Lesedauer: 7 Minuten“ – und immer weniger verstanden wird. In der ein Emoji Freude oder Wut ausdrückt.

Schirdewahns Beitrag kommt mit simplen Emjois daher 

Doch wie viele Schattierungen haben Freude und Wut! Schirdewahns Beitrag sind kunstvolle Emojis, die von der ganzen Bandbreite menschlicher Stimmungen und Zustände erzählen. Sie heißen „Argwohn“, „politische Korrektheit“ oder „schwere See“. Je länger man sie betrachtet, desto rückwärts gewandter erscheinen einem die infantilen Gesichtchen, mit denen wir in unserer fortschrittlichen digitalen Welt Kommunikation anzureichern meinen, sie in Wirklichkeit aber beschädigen. Leser dieser Zeitung kennen die feinen Zeichnungen der Berlinerin aus der Feuilleton-Serie „Unterm Strich“, dort jeweils ergänzt durch Text. Ohne den geht Verständigung, ja, In-der-Welt-Sein, nicht.

Das wird beim längeren Nachdenken – und man tut das unwillkürlich, wie vor allen Werken der Schau, von denen leider nur einige hier genannt werden können – eindringlich und vergnüglich klar. Etwa in der Installation von Anke Becker, die vis à vis zu Schirdewahns Gesichtern wie ein ironischer Kommentar wirkt. Sie besteht aus leeren Zeilen, Zeilenblöcken vielmehr, denn die Künstlerin hat in stundenlanger Arbeit die Seiten von Grundschüler-Schreibschriftheften mit Tinte auf die Wand übertragen.

In der Leere steckt viel, vor allem die Aufforderung, Worte hineinzufüllen. Es tun sich Welten auf, wenn man Schreiben lernt. Aber es kostet auch Mühe. Ergänzt sind die leeren Linien durch Heftseiten, in denen alle Zeilen ausgemalt sind. Was entsteht, ist abstrakte Kunst. Schön anzusehen – aber nach allem Gesehenen auch eine Provokation: Was machen wir daraus, aus dem mühsam Gelernten? Emojis? Und: Wo bleibt die Handschrift, das Ringen um Ausdruck, im Twittergewitter und medialen Geknalle?

Wo endet die Kunstfreiheit?

Die Dauererregung, die Überforderung durch die Bilderflut, die Frage, was gesagt, gezeigt werden muss und darf und auf welche Weise, all diese großen Themen füllen die drei Räume der Galerie und am größten ist der Furor wohl im ersten. Da geben sich unter anderem die Arbeiten von Leander Haußmann und Cornelia Renz die Hand. Deren monumentale Malerei auf Holz und Plexiglas und dahinter wirkt buchstäblich und im übertragenen Sinne auf mehreren Ebenen. Ein Henker, ein Opfer, akribisch dargestellt, in krachbunter Comic-Ästhetik verharmlost und irgendwie verhöhnt, bloßgestellt, verdeutlichen auf geradezu obszöne Weise, woran wir uns visuell gewöhnt haben. Oder auch nicht.

Wo beginnt Zensur, in der Kunst, im Kopf? Den Comic „Leonce und Lena“ von Haußmann gäbe es nicht, hätte der Regisseur 1988 nicht Berufsverbot gehabt. Statt das Stück in Parchim auf die Bühne zu bringen, zeichnete er sich die Wut aus dem Bauch. Jede einzelne Seite erzählt davon. Dass auf diese Weise ein Kunstwerk entstand (zusätzlich zur Inszenierung ein Jahr später in Weimar), ist eine beredte Fußnote. Wo Kunst ihrer Freiheit beraubt wird, sucht sie sich eben andere Wege.

Doch wo endet sie? Markus Keibel hat die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ verbrannt. Die Asche klebt auf Neonröhren, und ihr Leuchten an den Gitterfenstern der Galerie ist Anklage und Frage zugleich. Was ist ein Dokument noch wert, dessen Inhalt täglich infrage gestellt wird? Worte, nichts als Worte, erstarrt zu Licht. Dafür wirbeln die Worte im Kopf und dazu die Bilder umso wilder: Menschenrechte. Verbrannte Bücher. Zensur. Sehr viel Vergangenheit durchdringt diese höchst aktuellen Exponate. Sie sagen: Wir müssen aufpassen auf die Sprache, auf die Bilder. Das braucht Zeit. Wie diese Ausstellung. Man nimmt sie sich gerne. Es lohnt sich.