So sieht der Zweifel aus.
Illustration: Susanne Schirdewahn

BerlinKurz nach dem Abi 1990 habe ich ein Theaterstück geschrieben. Ich tippte es in den damals topmodernen Atari-Computer meines Freundes und verschüttete, just als ich fertig war, einen Kaffee auf der Tastatur. Ich war untröstlich. Aber gleichzeitig dachte ich, das glaubt mir eh kein Mensch.

Ein Paar, das sich auf einem anderen Planeten in völliger Einsamkeit befindet, und man hat von der Erde aus nur über einen Bildschirm Kontakt. Sie werden ständig dabei beobachtet, wie sie sich entwickeln, ob sie Kinder zeugen und/oder sich nicht doch irgendwann in ihrer Einsamkeit zerstreiten.

Daran denke ich jetzt, während ich an so einem Ding sitze und den Code eintippe, um einen Zugang zum Dancefloor zu bekommen. Zwei mir sehr liebe Kollegen haben das initiiert, sie nennen es Dis-Tanz, was ich saugut finde als Wortschöpfung, aber die Umstände gefallen mir nicht. Mein Allerwertester fühlt sich nach dem wochenlangen Rumgehocke selbst mehr wie ein Gesitz als ein Gesäß an. Aber noch kann ich mich nicht dazu aufraffen, auf eins der unzähligen Bildschirmsportangebote zurückzugreifen. Mich erinnert das doch zu sehr an die Aerobic-Videos von damals, als es mich abgelenkt hat, warum ich mein Bein nicht genauso weit spreizen kann und woher die Jane Fonda eigentlich so tolle pinke Stulpen hat.

Nun proste ich also Falko zu; zwischen uns liegen ungefähre drei Kilometer, die ich mit dem Rad in wenigen Minuten abreißen würde. Aber diese Zeit sparen wir uns ja durch Technik, wie wir uns auch sonst so einiges sparen können. Wofür, wissen wir leider noch nicht. Bei Falko sorgt eine Lichterkette für Stimmung. Blumen liegen um seinen Hals. Seine Freundin lacht und weist uns ein, wie wir in den Tanzraum rüberswitschen können mit einem Wisch und dann ploppen wieder die briefmarkengroßen Bildchen auf.

Auf einem tanzt der DJ schon schwungvoll im Anzug und installiert eben noch ein leeres Glas auf der Kamera. Ein toller Effekt wie ein Hohlspiegel, und eine wilde Tänzerin mischt einen psychedelischen Hintergrund dazu. Woher hat sie den bloß? Mein alter Mac macht das nicht mehr mit. Oder bin ich schon zu beschwipst, um die richtige Einstellung zu finden?

Überhaupt ist es lustig, weil im Empfangsraum sich heftig darüber ausgetauscht wird, welchen Knopf man denn nun wie drücken muss, damit man auch alle auf dem Monitor hat. Warum man das Mikrofon ausschalten muss, um die Musik besser zu hören. Zwischendrin prosten wir uns immer wieder zu, was Mut macht, wenn man sich selbst beim Tanzen zusieht. Mag ich das? Klar könnte ich mein Briefmarkenbild wegschalten, aber der Reiz ist zu groß, zu sehen, dass sich der vor Jahren getätigte Kauf einer Discounter-Diskokugel spätestens jetzt amortisiert hat.

Es ist wirklich sagenhaft, endlich wieder zu lauter Musik rumzuhopsen. Leider gibt mein Lautsprecher keine Bässe her, und der Gedanke macht sich breit, dass sich der Vorwand von früher „Ich zeig dir meine Briefmarkensammlung ...“ nun in ein ganz anderes Licht stellt.

Es ist schon ein bisschen einsam, selbst so. Danke, Falko, trotzdem. Ich war skeptisch, ich zweifel immer noch. Immerhin habe ich hinterher nachgesehen, ob ich nicht doch noch die handschriftlichen Notizen zu jenem Theaterstück finde, um ihm einen guten Schluss zu geben.