Es ist ein grauer und regnerischer Maitag. Aber dann kommt Susanne Wolff, und schon hellen sich Raum und Stimmung auf. Die 44-jährige Schauspielerin hat jenes innere Leuchten, das Menschen und Umgebung sofort für sie einnimmt. Und auch wenn sie in Jeans und Bomberjacke im verabredeten Café am Hackeschen Markt erscheint, ist doch allen sofort klar, dass hier ein Star zur Tür reinkommt. Sieben Jahre lang brachte sie das Deutsche Theater zum Strahlen, ehe sie 2016 überraschend kündigte. Über die Gründe hat sie nie gesprochen. Will sie sich womöglich verstärkt dem Film zuwenden? Sie spielt ja schon seit Jahren immer wieder in ausgewählten Produktionen – seit Donnerstag ist sie in Volker Schlöndorffs „Rückkehr nach Montauk“ zu sehen.

Frau Wolff, Regisseur Volker Schlöndorff sagte kürzlich, die Häme über seinen neuen Film „Rückkehr nach Montauk“ gleich nach der Premiere auf der Berlinale sei für ihn sehr verletzend gewesen. Für Sie auch?

Ach, ich habe das gar nicht mitbekommen, weil ich in diesem Fall keine Kritiken gelesen habe.

Sie tun es sonst auch lieber nicht?

Doch, ich lese das schon. Manchmal lasse ich Kritiken vorher von anderen lesen, um zu erfahren, ob es vielleicht zu niederschmetternd ist. (lacht)

Wahrscheinlich ist das besser so.

Ja, und ich habe natürlich auch nach dem Film mitbekommen, wie er von den Zuschauern aufgenommen wurde. In Interviews wurde ich zum Beispiel sehr oft gefragt, wie ich es denn fände, in so einem Altherrenfilm mitzuspielen. Das ist ja als provokante Frage gemeint, es war teilweise auch hämisch, stimmt schon.

Und Sie hatten nie den Eindruck, in einem Altherrenfilm mitzumachen?

Nein, überhaupt nicht! Für mich standen immer die beiden Frauenfiguren im Vordergrund. Und es ist doch sehr interessant, wie Schlöndorff sie besetzt hat. Ich will weder mich noch Nina Hoss hier loben, das wäre ja komisch, aber diese beiden Frauen im Film stehen für eine gewisse Stärke, das sind keine erniedrigten, gebeutelten, geschlagenen Frauen, sie sind sehr selbstbestimmt und entschieden.

Der Mann, den Stellan Skarsgård spielt, ist dagegen eher geduckt, in sich geknickt.

Klar, wenn man nur auf diese Figur schaut, dann kann ich diesen Eindruck eines Altherrenfilms durchaus verstehen. Da würde ich als Zuschauerin auch sagen: „Mensch, jetzt entscheide dich doch mal! Sag doch endlich etwas zu den Argumenten der Frauen. Verhalte dich doch mal.“ Aber es gibt eben nicht nur ihn.

Es gibt allerdings auch Parallelen zwischen dem Film und der Biographie von Schlöndorff.

Ja, aber Schlöndorff ist so unfassbar vital! Altherrenfilm passt so gesehen erst recht nicht.

Schlöndorff hat auch gesagt, auf der Berlinale erwarte man „zu Recht sozialkritische Filme, etwa über Flüchtlinge“. Der Seelenschmerz gehöre aber nun mal auch zum Leben. Ist „Rückkehr nach Montauk“ denn überhaupt ein Seelendrama?

Ich kann doch nicht erklären, was ein Regisseur sagt! Was meinen Sie denn mit Seelendrama?

Dass es vor allem ein Film über einen Mann ist, der sich zwischen zwei Frauen nicht entscheiden kann.

Aber Seelendrama? Das hört sich so schwer an. So ist der Film doch gar nicht. Er hat ja auch etwas Leichtes.

Worum geht es für Sie in diesem Film?

Für mich ist entscheidend, was gleich am Anfang gesagt wird: um die Frage, was man unterlassen hat und bedauert im Leben, und um das, was man getan hat und auch bedauert. Es geht darum, sich solche Fragen zu stellen: An welcher Wegkreuzung hätte ich meiner Intuition folgen müssen? Was wäre gewesen, wäre ich bei diesem Menschen in dieser Stadt geblieben? Das sind Fragen, die ich mir auch stelle, zumindest, wenn ich im Zug sitze und Zeit habe. Es ist doch interessant, sich immer wieder zu fragen: Was bohrt sich wirklich durch im Leben? Welche Begabung, welche Begegnung? Gibt es so etwas wie Bestimmung oder werden wir doch vor allem durch die äußeren Umstände und Bedingungen beeinflusst?

Haben Sie für sich eine Antwort darauf gefunden?

Nein, ich weiß es nicht, was passiert wäre, wenn ich Buchhändlerin geworden wäre. Hätte es sich durchgebohrt, dass ich Schauspielerin werden will? Keine Ahnung.

Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber gibt es etwas, das Sie bereuen?

Sie treten mir damit zu nahe! Natürlich bereue ich einiges, aber ich werde in der Öffentlichkeit hier nicht erzählen, was genau. Es ist mir jedenfalls sehr fremd, wie man sagen kann, man bereue nichts. Das habe ich nie verstanden.

Gehören Sie zu den Menschen, die sich sagen, am Ende ist dann doch alles zu etwas gut?

Früher habe ich das nicht getan, aber inzwischen suche ich doch öfter den Sinn in etwas, das ich nicht verstehe.

Untreue, hat Max Frisch in seinem Tagebuch 1950 notiert, sei „unser Versuch, einmal aus dem eigenen Gesicht herauszutreten, unsere verzweifelte Hoffnung gegen das Endgültige“. Das ließe sich auch über die Art und Weise sagen, wie Sie immer wieder Ihre Figuren spielen.

Ja, das stimmt wohl. Es ist ja einer der Gründe, warum man Schauspielerin wird: Man kann in sehr unterschiedliche Rollen schlüpfen und etwas ausleben, was einem im Leben nicht so gelingen würde, man kann überhaupt etwas mit der Figur leben, das man sonst gar nicht wollen würde.

Stimmt das auch für Ihre Figur der Clara?

Ja, sicher.

Es gibt einen prägnanten Satz dieser Clara, der zwei Mal fällt: „Ich liebe dich, das weißt du.“ Sie sprechen das in einer Mischung aus Härte und Zärtlichkeit, Drohung und Vertrauen. Da klingt viel verzweifelte Hoffnung mit.

Über diesen Satz habe ich die Figur verstanden, er erklärt mir alles, was ich nicht verstehe an Clara. Sonst sucht man oft nach Merkmalen, die einem die Figur greifbar machen. Für Clara war es genau dieser eine Satz. Man denkt ja ständig: Warum hält diese Frau diesen Mann aus? Antwort: Weil sie ihn liebt. Punkt. Sie sagt das deshalb auch ganz ohne Aufregung. Ein streitbarer Charakter ist Clara ja nicht, ganz anders als ich es bin.

Proben Sie so einen Satz?

Das musste ich nicht üben, nein. Ich wollte, dass er ganz klar klingt, wie etwas, dem man nicht widersprechen kann und auch nicht widersprechen muss, so wie, wenn ich sage: „Ich bin Vegetarier, das weißt du.“ Oder: „Ich bin eine Frau, und ich bin nicht blond, darüber müssen wir nicht diskutieren.“ Das sind Tatsachen, so sollte der Satz klingen.

So klingt er.

Gut.

"Wenn ich es schaffe, dass die Leute über eine Figur nachdenken, dann freut mich das natürlich."

Wie wichtig ist es Ihnen, dass man Ihre Figuren richtig versteht?

Verstehen? Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Was ist schon verstehen? Ich kann das ja auch gar nicht überprüfen. Ich weiß nicht, was die Leute wirklich denken, wenn sie im Kino oder im Theater sitzen. Aber manchmal gibt es so Glücksmomente, wenn man merkt, dass etwas funktioniert hat. Ich erinnere mich an ein Stück, das ich mit Nina Hoss am Deutschen Theater gespielt habe, das Stück „Öl“ von Lukas Bärfuss, das Stephan Kimmig 2009 inszenierte. Auf der Premierenfeier haben meine Eltern und Freunde diskutiert, was das denn für eine sonderbare Figur gewesen sei, die ich da gespielt hatte: Eine Traumfigur? Eine reale? Das hat mich gefreut, denn es sollte so offen bleiben. Wenn ich es schaffe, dass die Leute über eine Figur nachdenken, dann freut mich das natürlich.

Und wie ist es, wenn Sie sich selbst das erste Mal in einem Film sehen? Ist das befremdlich?

Traurig, würde ich sagen, wenn man sieht, was alles rausgestrichen wurde. Man weiß dann ja auch erst, welche Musik dazugekommen ist, wie die gesamte Dramaturgie des Films funktioniert. Im Theater kann das einem ja nicht passieren, dass man nachträglich einfach gestrichen wird.

Hilft es bei den Dreharbeiten, wenn man sich vom Theater kennt, so wie Sie und Nina Hoss sich kennen?

Klar.

Dabei haben Sie in „Rückkehr nach Montauk“ gar keine gemeinsame Szene mit Nina Hoss. Haben Sie sich überhaupt getroffen in New York beim Drehen?

Ja, aber es war alles genau getaktet, ich war auch nur eine Woche dort, sechs Tag drehen, ein Tag frei.

Durften Sie bei Ihren Kostümen mitsprechen?

Mitsprechen schon, aber Schlöndorff hatte sehr genaue Vorstellungen. Für die Schuhe zum Beispiel ist er in New York auf der Straße einer Frau hinterhergelaufen. Er hat sie gefragt, ob er ihre Schuhe fotografieren dürfe. Dieses Modell Schuhe trage ich dann tatsächlich im Film.