Suzy Banyon (Jessica Harper) in dem Horrorfilm „Suspiria“ von 1977

BerlinRussland bietet heute seinen Besuchern ein weitgehend aufgeräumtes Bild, zumindest in den Metropolen. Müll liegt kaum noch herum, das Trinken in der Öffentlichkeit ist verboten, Bettler, Straßenhändler und Musikanten werden schnell verscheucht. Dafür sorgen unzählige Polizeipatrouillen, die für eine Durchsetzung dieses Images sorgen. Natürlich wird in Russland wie eh und je weitergesumpft, nun eben hinter verschlossenen Türen. 

Wenn sich jetzt eine russische Horrorkomödie großer Beliebtheit erfreut, in dem die Polizeiführung selbst als ein Haufen korrupter und gewalttätiger Grobiane gezeigt wird, dann bedeutet das natürlich etwas. „Papa, Sdochny“ (Papa, verrecke) ist ein Film, der hinter den  Türen des modernen Russlands spielt. Er wurde von dem 1989 in Leningrad geborenen, studierten Physikers Kirill Sokolow gedreht. Sein erstaunliches Langfilmdebüt kommt jetzt unter dem internationalen Festivaltitel „Why don’t you just die!“ in ausgewählten deutschen Kinos zur Aufführung. Erwartungsgemäß bietet das Werk eine etwas andere „Montage der Attraktionen“ als dies Sergej Eisenstein einst gemeint hatte.

Auf Sumpf und Knochen gebaut

Wer also den Anblick von Blutfontänen, durchbohrten Gliedmaßen und kuriosen Todesarten auf der Leinwand nicht gewohnt ist, sollte vom Kauf eines Tickets absehen. Wer aber die Filme Tarantinos schätzt und im Genre insgesamt etwas bewandert ist, wird den Einfallsreichtum und die überraschenden Wendungen zu schätzen wissen. Ort des Geschehens ist die altmodisch eingerichtete Wohnung eines mittleren Polizeibeamten: bescheidener Wohlstand, Militaria-Nippes in den Regalen, Gemälde von Uniformträgern an den Wänden. Als es an der Tür klingelt und ein junger Mann mit einem Zimmermannshammer in der Hand davor steht, wird schnell klar, dass es sich hier nicht um einen Handwerkertermin handelt.

Umgehend geht es zur Sache. Matwej, so stellt sich heraus, ist der Liebhaber der Polizistentochter. In ihrem Auftrag soll er den Vater töten. Dies ist aber nur eine Handlungslinie. Es folgen zahlreiche Turns mit weiteren Figuren, denen es allesamt nur ums Geld geht – bis auf Matwej. Er ist der letzte Naive, der ewige „Iwan Durak“, der nicht recht begreift, was um ihn herum stattfindet und der eine unendliche Reihung von Prüfungen durchlaufen muss. St. Petersburg als Setting dieses Films ergibt Sinn. In der „auf Sumpf und Knochen“ erbauten Planstadt wusste das Morbide von jeher um eine Heimstatt. Hier hatten die Nekrorealisten um Jewgeni Jufit schon in den frühen 80ern äußerst makabre Kurzfilme gedreht. Regisseur Kirill Sokolow steht in dieser Tradition – wenn er auch kein Undergroundkünstler ist. Sein Film entstand mit finanzieller Unterstützung des russischen Kulturministeriums. Als Unterhaltungskino getarnt, verweist sein Apartment-Splatter auf die von Generation zu Generation weitergereichten Verdrängungen einer auf Gewalt basierenden Gesellschaft. Er betreibt damit einen Exorzismus der besonderen Art und zeigt, dass Horrorfilme noch immer in der Lage sind, subversive Energien freizusetzen.

Kollektive Verdrängungen

Horror war (neben Sex) das einzige Genre, das in den Filmproduktionen der realsozialistischen Länder nicht stattfand. Es liegt hier also eine starke Ungleichzeitigkeit der medialen Entwicklungen und Erfahrungswerte vor. Spannend ist deshalb ein Vergleich mit westlichen Tendenzen. Als Dario Argento 1977 seinen heute als Kultfilm verehrten Klassiker „Suspiria“ drehte, war das klassische Horrorkino bereits in eine Erschöpfungsphase eingetreten. In den USA hatten die berühmten Werke von George A. Romero („Night of the Living Dead“), Larry Cohen („It’s Alive“) oder Tobe Hooper („The Texas Chain Saw Massacre“) noch gekonnt auf die Traumata des Vietnamkriegs reagiert und damit ähnlich wie jetzt der russische Film auf kollektive Verdrängungen hingewiesen.

Argento als Italiener bot eher ein Beispiel von „spätrömischer Dekadenz“. Er installierte seinen Ballettschulen-Hexenzauber in einem aus reiner Projektion bestehenden Freiburg im Breisgau, wo sich die Tanzelevinnen den Zugriffen einer satanischen Sekte ausgesetzt sehen. Der Heldin gelingt es nur unter Aufwendung äußerster Kräfte, der Verdammnis zu entfliehen. Dieser Film war mit seinen in der Schwarzen Romantik wurzelnden, in abgründiger Eleganz schwelgenden Bildfindungen durchaus innovativ,  führte jedoch über die Verhandlung spätpubertärer Fluchtimpulse kaum hinaus.

Suspiria 

Doppelprogramm (1977 und 2017),  26.Januar, ab 19 Uhr, Filmrauschpalast, Lehrter Straße 35

Das 2018 von Luca Guadagnino vorgenommene Remake mit Tilda Swinton in einer Mehrfachrolle und mit der Musik von Radiohead-Mastermind Thom Yorke wiederum ist ein gutes Beispiel für das in seine nächste kommerzielle Verpuppungsphase eintretende Genre, das sich nur noch selbst kannibalisiert. Noch perfekter, aber auch langweiliger, vermag der Film wenig eigene Akzente zu setzen. Beide „Suspiria“-Fassungen sind jetzt in einem Doppel in analoger Projektion zu erleben.