Wenn ein Pianist sich hinter einer Maske versteckt, liegt die Vermutung nahe, er hätte etwas zu verheimlichen. Ein unschönes Gesicht zum Beispiel oder – schlimmer – mangelndes Talent. Beides trifft auf Lambert nicht zu – davon kann man sich beim Treffen mit dem Musiker aus Anlass seines neuen Albums überzeugen.

Unklare Identität

Dennoch ist seine Identität seit seinem 2014 erschienenen Debüt unklar. Nur so viel ist bekannt: Er ist Mitte 30, wurde in Hamburg geboren, lebt in Berlin, ist ausgebildeter Jazz-Pianist und hat sich früher als Schlagzeuger in Garagenrockbands ausprobiert.

Vermutlich trug das dazu bei, dass seine Konzerte auf internationaler Ebene nicht nur Klassik- und Jazz-Liebhaber, sondern auch Indiepopfans anlocken. Und die lederne Stiermaske, die er eigens in Sardinien fertigen ließ, dürfte zumindest ein gutes Vehikel dafür sein, um Klassikdarbietungen für ein junges Publikum interessant zu machen.

Ein Effekt nutzt sich ab

„Gut möglich, dass die Maske mir in Sachen Aufmerksamkeit geholfen hat“, sagt er entspannt im Gespräch. „Aber alles darauf zu schieben, funktioniert nicht, weil der Effekt sich abnutzt. Es muss eine gewisse Qualität in der Musik liegen.“ Bands wie Deichkind, Tocotronic und Boy bestellten bei ihm Klavierversionen ihrer Songs, was Lamberts These untermauern dürfte. 

Aber was soll dann das Versteckspiel? „Ich mache das zum einen aus Scham. Zum anderen möchte ich die Freiheit haben, jemand anderes zu sein.“ Die Leute würden erwarten, dass man ein wahnsinnig authentischer Typ sei, wenn man klassische Musik macht, sagt Lambert. „Mit Maske fühle ich mich nicht in der Pflicht, etwas darzustellen, das zur Musik passt. Ich nehme dann einen Charakter an, das nimmt mir viel Druck. Und wenn ich einen Fehler mache, sage ich: Lambert hat heute Quatsch gemacht. Feierabend.“

Eher lieblich als düster

Druckstellen auf den Nasenflügeln nimmt der Mann an den Tasten daher gerne in Kauf. Sein drittes Werk benannte Lambert „Sweet Apocalypse“. Es klingt über weite Strecken eher lieblich und hoffnungsvoll als düster. „Ich wollte den süßen Erlösungsmoment beschreiben und nicht die typische Musik zu einem Weltuntergangsszenario machen. Es ging mir um die Frage, ob die Apokalypse nicht auch einen süßen Kern hat und die Angst vor dem Ende der Welt nicht immer auch gekoppelt ist mit einer Hoffnung, dass es danach besser wird.“

Dass seine Musik wie ein atmosphärischer Film-Score anmutet, ist nicht weit hergeholt: Die Liebe zu Endzeitfilmen wie „Mad Max“ und „Waterworld“ haben Lambert für die neuen Lieder inspiriert.

Trump und Brexit

„Das hat mich dazu bewogen, musikalisch zu kommentieren, wie unsere Welt gerade mit dem Gedanken umgeht“, macht er deutlich. „Ich halte nichts von Trump oder dem Brexit. Aber es gibt offensichtlich Leute, denen es so schlecht gehen muss, dass für sie die bessere Option ist, sich von der Welt oder der Struktur zu lösen. Auch dahinter steckt ja vielleicht die Hoffnung, dass es danach in kleineren sozialen Strukturen besser wird.“

Wobei Lambert diesbezüglich Parallelen zum Film sieht – als Beispiel führt er die US-Erfolgsserie „Walking Dead“ an: „Nachdem die große soziale Struktur aufgebrochen ist, gibt es kleine überlebende Gruppen, in denen sich alle familiär umeinander kümmern und jeder die Stärken und Schwächen des anderes kennt.“

Fremde Nachbarn

In der Realität sei das heute anders: „Nachbarn kennen sich doch nicht mal beim Vornamen. Eine Hoffnung, die in der Apokalypse liegt, könnte also sein, das danach utopische soziale Strukturen vorherrschen, die man eventuell in unserer Welt vermisst.“ Die Berliner Künstlerin Moki hat für jedes der zwölf neuen Stücke ein apokalyptisches Bild gemacht, das die Stimmung zwischen Bangen und Hoffen perfekt einfängt.

Das Albumcover-Artwork wimmelt nur so von Hollywood-Zitaten. Die zwei darin eingearbeiteten Menschen sind eine Referenz an den Vater und Sohn aus dem Science-Fiction-Drama „The Road“.

Mit Rucksack in die Wolke

Dass der Vater bei genauem Hinsehen einen Rucksack trägt, ist angelehnt an den postapokalyptischen Actionfilm „The Book Of Eli“ mit Denzel Washington. Und die riesige Staubwolke erinnert an eine Szene aus „Mad Max: Fury Road“.

„Die Bedrohlichkeit von Mokis Wolken hat dazu geführt, dass ich in den Mittelteil des Titelstücks noch Blasinstrumente und Streicher eingearbeitet habe“, erklärt Lambert die Wechselwirkung zwischen Bild und Musik. „Ich wollte der Apokalypse gerecht werden.“ 

„Sweet Apocalypse“ (Mercury KX/Universal) heißt das aktuelle Album von Lambert, das er am Sonnabend, 20. Mai, um 20 Uhr im Silent Green Kulturquartier vorstellt. (Das Konzert ist ausverkauft)