Meister des Humors an der Schwelle zum Derben: der britische Schriftsteller David Nicholls.
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BerlinZwei Genres sind mir von jeher fremd: Ich kann Komödien auf der Leinwand nicht ertragen und in der Literatur ist es der Liebesroman. Wenig begeistert war ich also, als David Nicholls’ neuer Bestseller „Sweet Sorrow – Weil die erste Liebe unvergesslich ist“, auf meinem Schreibtisch landete und die Lesung für diese Woche angekündigt wurde.

Die Zitate aus Rezensionen der internationalen Presse auf dem Buchrücken und auf dem Umschlag indes überschlugen sich vor Begeisterung. Von „zärtlicher Präzision“ ist da die Rede, von einem „wunderbaren Buch“, das „auf vollkommene Weise einen Moment im Leben erfasst, an den wir uns alle erinnern“. Mein Widerwillen gegen den Roman wuchs, aber was soll ich sagen? „Sweet Sorrow“ ist eines der vergnüglichsten und schönsten Bücher, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe; David Nicholls’ Werk ist wahrlich ein Geschenk.

Der Umstand der Nachvollziehbarkeit

Dabei ist die Geschichte gar nichts Besonderes, vielleicht aber macht gerade das den Reiz aus, eben der Umstand der Nachvollziehbarkeit, der bitter-süße Schmerz der ersten Liebe, ihr Zustandekommen und ihr Scheitern.

All dies erlebt auch der Brite Charlie Lewis, ein nerdiger Typ, ein junger Mann ohne Eigenschaften, dessen Welt auf den Kopf gestellt wird als er Fran Fisher kennenlernt und die ihm natürlich nicht nur den Kopf verdreht, sondern gleich seine ganze junge nach vorne stürmende Existenz durcheinanderwirbelt. Nach rund 20 Jahren steht Charlie Lewis vor der Frage, ob er sich traut, seine erste große Liebe wiederzutreffen.

LESUNG

David Nicholls: „Sweet Sorrow“, Lesung mit Mark Waschke. 13.2., 20 Uhr, Pfefferberg, Schönhauser Allee 176. Eintritt: 15 Euro.

Sonntagsmatinee mit Katja Oskamp: „Marzahn, mon amour“, 16.2., 14 Uhr. Schloss Biesdorf, Alt Biesdorf 55. Der Eintritt ist frei.

Hach! So weit, so sämig. Doch Nicholls’ Beschreibungen sind so leicht, wie die frische Sahne auf dem sommerlichen Erdbeerkuchen. Seine Betrachtungen der Hölle, die die Jahre zwischen Kindheit, Pubertät, dem Ende der Schule und dem viel beschworenen Ernst des Lebens sind, sind so zielsicher und treffend, dass man sich fortwährend an seine eigene Adoleszenz erinnert.

Nur, dass das bei Nicholls wesentlich witziger ist: „Langsamere Lieder boten Gelegenheit zu schulisch sanktioniertem Steh-Petting“, beschreibt die Schulabschluss-Sause, die bekanntlich ein letztes Aufbäumen der Jugend vor dem endgültigen Eintritt ins wesentlich ödere Erwachsenenleben ist.

„Dank einer freundlichen Spende des Chemielaboranten kam eine kleine Menge Trockeneis zum Einsatz, eine Tarnvorrichtung, die bis auf Hüfthöhe stieg. Sally Taylor und Tim Morris wateten als Erste durch den Nebel, gefolgt von Sharon Findley und Patrick Rogers, den Sexpionieren der Schule, deren Hände ständig tief in der Hose des anderen vergraben waren, als wollten sie Lose ziehen ...“

Ich überdenke meine Einstellung zum Liebesroman

Es ist dieser Humor an der Grenze zum Derben, der Nicholls’ Geschichte zum einen die nötige Distanz zum lieblichen Sujet verleiht und zum anderen deutlich macht, dass der Autor nicht vergessen hat, wie es sich anfühlt, hin- und hergerissen zu sein zwischen Stürmen, Drängen, Flucht und Erwachsenwerden: „Wir haben sie knutschen sehen. Was für ein Anblick. Hast du schon mal gesehen, wie eine Netzpython ein Pinselohrschwein frisst ...? Anscheinend haken sie ihren Unterkiefer aus, bis ganz nach hinten ....“

Herrlich! Februar-Depressionen? Verstimmungen anderer Art? David Nicholls’ „Sweet Sorrow“ hilft sicherlich übers Gröbste hinweg und ich überdenke meine Einstellung zum Liebesroman.

Fußpflegerin in Berlin-Marzahn

Etwas ganz anderes ist sicherlich Katja Oskamps Roman „Marzahn, mon amour“. Die Berlinerin Oskamp ist Mitte vierzig, als ihr das Leben fad wird. Das Kind ist aus dem Haus, der Mann ist krank, die Schriftstellerei, der sie sich bis dahin gewidmet hat: ein Feld der Enttäuschungen.

Also macht sie etwas, was für andere dem Scheitern gleichkäme: Sie wird Fußpflegerin in Berlin-Marzahn, einst das größte Plattenbaugebiet der DDR. Und schreibt auf, was sie dabei hört – Geschichten wie die von Herrn Paulke, vor vierzig Jahren einer der ersten Bewohner des Viertels, Frau Guse, die sich im Rückwärtsgang von der Welt entfernt, oder Herrn Pietsch, dem Ex-Funktionär mit der karierten Schiebermütze. Geschichten voller Menschlichkeit und Witz, Präzise und liebevolle Betrachtungen über den Menschen an sich – von seinen Füßen her betrachtet.