Als Marina Karjanowa ins Heim kam, war sie vier Jahre alt. Sie wusste, dass sie Marinotschka gerufen wurde, einen Nachnamen kannte sie nicht. Also wurde sie nach dem Moskauer Nordbahnhof (Sewerny woksal), wo man sie gefunden hatte, Marina Sewernaja genannt. Maria Pusan erinnerte sich nur an ihren Geburtstag nicht. Im Kinderheim durfte sie sich einen Tag aussuchen. Sie bekam ein orangerotes Kleid mit Taschen drauf geschenkt.

„Ich liebte es so, dass ich bat: ,Begrabt mich in diesem Kleid.’“ Es schien ihr nach dem Tod von Mutter und Vater logisch, dass auch sie bald stürbe. Und Ira Masur träumte im Heim davon, irgendetwas Eigenes zu besitzen, wenigstens eine Tasse. „Ich besitze so etwas nicht, nichts, von dem ich sagen kann: ,Das stammt noch aus meiner Kindheit.’“

Als sie das erzählten, war die eine inzwischen Regieassistentin beim Film, die andere Arbeiterin, die dritte auf dem Bau beschäftigt. Es sind drei aus einem Chor von hundert Stimmen in einem Buch, zusammengesucht aus Abertausenden in einem Land. Es sind „Die letzten Zeugen“, Kinder, die den Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion erlebten – als Russen, Weißrussen, Juden, Ukrainer, Tataren, Letten, Kasachen, Usbeken, Zigeuner, Armenier, Tadschiken. Swetlana Alexijewitsch hat sie befragt, Jahrzehnte nach Kriegsende. Viele berichten, wie der Vater die Familie verließ, einige sahen, wie die Mutter starb. Viele haben beschwerliche Fluchtwege hinter sich. Sie erinnern sich an Hunger, der sie Gras, sogar Dreck essen ließ.

Ein Zehnjähriger erlebte, wie vor seiner Schule Rotarmisten erschossen wurden. Sie riefen ihre Namen, hoffend, dass ihre Angehörigen informiert würden. Er vergaß diese Namen nie. Eine Sechsjährige erwachte, als die Mutter neben ihr eine Grube grub, doch sie war noch nicht tot: Neun Einschüsse zählten sie in ihrem Körper. Ein elfjähriges Mädchen versuchte vergeblich, an der eigenen kindlichen Brust den kleinen Neffen zu stillen – Mutter und Schwester waren erschossen worden.

Die Fratze des Krieges

Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen, war ein Kind der Sowjetunion. Sie war von klein auf gewohnt an die Verehrung der Helden des Großen Vaterländischen Krieges, wie der Zweite Weltkrieg genannt wurde. Doch aus der eigenen Familiengeschichte und durch ihre Arbeit als Journalistin wusste sie auch, was verschwiegen wurde in der Breschnew-Ära. Dazu gehörten Entbehrungen und Leiden des Krieges. Für ihr erstes Buch erkundete Alexijewitsch, was Soldatinnen, Sanitäterinnen, Köchinnen im Hinterland und an der Front erlebt hatten: „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“.

Das Buch, 1983 vollendet, kostete sie die Stelle beim Literaturmagazin Neman, Antikommunismus warf man ihr vor. Die Gespräche für „Die letzten Zeugen“, mit Menschen, die zwischen zwei und zwölf Jahre alt waren, als Deutschland die Sowjetunion überfiel, führte sie zum Teil parallel dazu. Der Staat, der seinem Volk eine rosige Zukunft versprach, hat seine Kinder nicht retten können.

Beide Bücher konnten erst mit Beginn der Perestroika 1985 in der Sowjetunion erscheinen. Während das Echo auf das Frauen-Buch gewaltig war, eine Dokumentarfilm-Serie und ein Theaterstück daraus entstanden, gab es auf das Kinder-Buch nur spärliche Reaktionen. Vielleicht war die Geschichte den Lesern in den Achtziger- und Neunzigerjahren selbst noch zu nahe. Über die Kriegskinder und deren oft verdrängte Erinnerungen sprach man in auch in anderen Ländern erst seit diesem Jahrtausend. In Deutschland regte etwa die ein Jahr vor Alexijewitsch geborene Sabine Bode mit ihrem Buch „Die vergessene Generation“ (2004) das Gespräch an.

Daran muss man denken, wenn Alexijewitsch einen Kraftfahrer zitiert, der acht Jahre war bei Kriegsbeginn, der sah, wie Menschen mit einem gelben Stern Pferdewagen ziehen mussten, wie Soldaten mit Bajonetten Müttern die Kinder vom Arm stießen: „Damit wuchs ich auf… Ich wurde düster und misstrauisch, ich habe einen schwierigen Charakter. Wenn jemand weint, empfinde ich kein Mitleid, sondern Erleichterung, weil ich selbst nicht weinen kann.“

„Die letzten Zeugen“, kam im Wendejahr 1989 auf Deutsch im Verlag Neues Leben in Ost-Berlin heraus, das Buch ging unter. Es gab auch einmal eine Taschenbuchausgabe. Im vergangenen Jahr erhielt die Autorin den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Geehrt wurde sie für ihre spezielle Art der Geschichtsschreibung: Wie sie aus Stimmen ein Gewebe der Erinnerung schafft.

Das war Grund genug für den Hanser Berlin Verlag, neben dem Afghanistan-Buch „Zinkjungen“ auch den Band über die Kriegskinder noch einmal aufzulegen. Für eine „überarbeitete, aktualisierte Neuausgabe“ hätte man sich allerdings ein paar Erklärungen im Buch gewünscht. Denn Alexijewitsch gab Zitate dazu, die sie noch zu Gorbatschows Zeiten aus dem Manuskript gestrichen hatte, um den Druck nicht zu gefährden.

"Meine Kindheit war der Krieg"

„Ich bin schon einundfünfzig, ich habe eigene Kinder. Trotzdem will ich meine Mama wiederhaben…“, sagt eine Frau. „Ich bin ein Mensch ohne Kindheit, meine Kindheit war der Krieg“, sagt ein Mann, „ich will das alles vergessen“, eine Frau. Alexijewitsch zitiert diese grundsätzlichen Aussagen. Sie bringt ihre Gesprächspartner vor allem dazu, Details zu nennen, auf ein, zwei, höchstens vier Buchseiten. Wie die Mutter schrie: „Das ist nicht meine Tochter!“, damit diese der Erschießung entgehen konnte. Wie die Großmutter einen deutschen Soldaten auf Knien anflehte, damit der die Enkel nicht töte. Wie ein Mädchen während der Blockade von Leningrad mit dem letzten Stückchen Brot einen Hund ins Haus lockte, damit er gegessen werden konnte.

Krieg wird um Glauben geführt, um Macht, um territoriale Besitzansprüche. Vielleicht lässt sich mit einem Krieg auch etwas gewinnen. Swetlana Alexijewitsch zeigt durch ihre Interviews mit den „letzten Zeugen“, dass Menschlichkeit verloren geht im Krieg. Welchen Wert hat das Leben noch, wenn Mütter und Väter ihre Kinder nicht schützen können? Das Buch ist heute so aktuell wie vor dreißig Jahren.