Ein Schwein.
Foto: imago images/Panthermedia

BerlinAls die amerikanische Tierforscherin Sy Montgomery über Christopher Hogwood schrieb, es ist bald 15 Jahre her, war die Vorstellung noch nicht verbreitet, dass es Trost-Tiere geben könnte. 2006 erschien das Original ihres Buches „The good good pig“, 2007 eine Übersetzung bei dtv, aber vielleicht ist jetzt, in einer Pandemie, die genau richtige Zeit für eine Wiederauflage der Geschichte eines ganz besonderen, eines nämlich auch Seelenruhe und Trost spendenden Schweins. Wobei: wer weiß, wie viele Schweine so besonders sein könnten, dürften sie wie Chris mit 14 Jahren an Altersschwäche sterben.

Christopher Hogwood – ja, Sy Montgomery nennt das Ferkelchen nach dem von ihr verehrten Dirigenten Alter Musik – hatte beim Kampf um die Zitzen seiner Mutter keine Chance, also lassen Montgomery und ihr Mann sich das magere, zitternde Tierchen von einem befreundeten Züchter aufschwatzen. Umsorgen es, glauben, dass es trotzdem sterben wird, es will einfach nicht an Gewicht zulegen, aber nach einer kräftigen Wurmkur wächst es heran zu einem zentnerschweren, trotzdem durch und durch friedlichen Schwein. Chris, wie es gerufen wird, reißt zwar regelmäßig aus, aber nicht nur Dorfpolizist und Feuerwehr nehmen die Sache sportlich, auch die Nachbarn, denen der Garten umgegraben wird, wenn sie einen Moment nicht aufpassen.  

Sy Montgomery, geboren 1958, übrigens in Frankfurt am Main, weil ihr Vater dort stationiert war, die sich in ihrem Leben schon mit so unterschiedlichen Tieren wie Oktopussen, Tigern, rosa Amazonasdelphinen und Glühwürmchen beschäftigt hat, erzählt mit großer Selbstverständlichkeit von diesem einen Schwein und seinem Charakter. Erzählt zum Beispiel, dass Kinder praktisch alles mit ihm anstellen dürfen – und es auch tun. Chris ist angetan, wenn er gebürstet wird; die Kinder wiederum macht das genussfreudige Schwein fröhlich. Sie beschreibt Christopher Hogwood als intelligent (etwa beim Ausbüxen), aber sie vermenschlicht das Tier nicht, versucht auch nie, es zum Schoß-Schwein zu machen. Wenn sie Trost braucht, legt sie sich auf den warmen, dicken Körper. Aber sie weiß, dass sie dem Schwein ziemlich egal ist, außer als Futterspenderin oder Bauchkraulerin. Man erwische die richtige Stelle und Christopher Hogwood lässt sich seufzend und brummend vor Wohlgefallen auf die Seite plumpsen. Und auch die Kraulerin hat was davon: Freude.  

Sy Montgomery liebt Chris, wie man ein Tier nur lieben kann, das einen über viele Jahre begleitet. Aber sie erzählt geradlinig, nüchtern, unsentimental, mit feinem Humor. Überhaupt sind für sie Tiere Mit-Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen und eigenem Kopf. „Das herzensgute Schwein“ ist das richtige Buch, um gerade jetzt darüber nachzudenken, wie wir normalerweise mit ihnen umgehen.

Sy Montgomery: Das herzensgute Schwein. Aus dem Englischen von Melusine Stern. Diogenes, Zürich 2020. 202 S., 12 Euro.