Also das Hecheln, jene vermutlich auch schon wieder überkommene Gebärtechnik, müssen diese vier Frauen auf der Gorki-Bühne nicht üben. So wie andere ein- und ausatmen, formulieren diese vier die dialektischen Widersprüche ihrer so verquasselten wie verzweifelten Existenz − nur eben schneller. Es ist, wie oft bei Sibylle Berg, ein bisschen so, als würden Depression und Humor einander gegenseitig in die Kniekehlen treten. Man ruft Mutti-Klischees und überkommene Rollenbilder auf, grenzt sich ab, sehnt sich fort, und kippt, weil man so auf die Abgrenzung konzentriert ist, in das gegenteilige Klischee, was die Vier in ihrer Blitzwachheit stets einen Moment früher kapieren als der Zuschauer und sich, kaum dass der sich’s versieht, schon wieder in Gegenrichtung abgrenzen, wegsehnen und kippen. Diese äquilibristischen Reflexionsslapsticks machen großen Spaß. Sie sind alles andere als harmlos, aber Trost stellt sich dennoch schnell ein, weil man selbst für solcherart Existenz-Analyse-Zwänge einfach zu denk- und fühlfaul ist, Gott sei Dank.

Die bunt und schlabberig gekleideten, hornbebrillten Frauen hechelten 2013 bei der Shermin-Langhoff-Gorki-Eröffnung in „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ ihre Wunsch-Wirklichkeit-Widerspruch-Wut ins Publikum. Nun wird der Erfolg mit „Und dann kam Mirna“, wieder in der Regie von Sebastian Nübling und in der Choreographie von Tabea Martin, fortgesetzt, und zwar unvermindert, wie am Publikumsjubel zu erahnen ist.

Die vier jungen Frauen (Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas; neu im Team: Cigdem Tek) sind zu Stückbeginn, „sagen wir mal“, Anfang-Mitte-Ende-Dreißig und bringen „eine gelungene Befruchtung hinter sich“. Doch „die im viralen Marketing versprochenen Glücksgefühle“ wollen sich nicht einstellen, trotz aller Wortschwall-Ziselierungen und Stampftänze. Von berückender und bedrückender Regelmäßigkeit ist das Mienenspiel: aufgesetzte Mutfassblicke, die der prompte Zweifel schief einfriert, bevor die Gesichter wieder ganz in die Entgeisterung rutschen und mit wortreicher Mühe neu sortiert werden.

Also, die Väter sind mal schnellstens zu streichen

Überkommene Romantiker würden die Liebe ins Spiel bringen, die bei Sibylle Berg zur „gelungenen Befruchtung“ auf auffällige Weise gar nichts beiträgt. Da wären 1.) ein Postpartykoitus, der trotz der interessanten Ohren des Geschlechtspartners, „einer mit Stiefmütterchen bepflanzten Verkehrsinsel glich“, 2.) eine durch einen schwulen WG-Mitbewohner im Klo vorgenommene Freundschaftsdienstbesamung, 3.) eine künstliche Befruchtung mit „rassenübergreifendem“ Erbmaterial in Holland und − 4.) eine Freie-Liebe-Zufallsbekanntschaft, die sich als zwar veganer, aber sexuell auf Schwangere fixierter Halbschuh-Anzug-Träger, Säureblocker-Fresser und Rechnungsbezahler entpuppt. Kreisch.

Also, die Väter sind mal schnellstens zu streichen. Dazu diese typische Sibylle-Berg-Passage, bei der wirklich jedes Wort, besonders das letzte, tief in der Wunde sitzt: „Wir sind allein. Ich bin alleinerziehend. Na ja, erziehen, sag ich mal, geht so./ Aber/ das Opfer, mit einem Menschen, den ich nicht liebe, zusammenzuleben, nur um das angebliche Bedürfnis des Kindes nach zwei Elternteilen zu erfüllen, schien mir doch zu groß. Stückweit.“ Die Töchter müssen also wahlweise als auszuquetschende Lebensglückstuben oder spätestens mit der Vorpubertät als konkurrierende und schnell überlegene Sparringpartner herhalten. Diese vier Mädchen (altersgerecht besetzt mit Teenagern) rücken in pinker Windjacke, kurzen Jeans, Turnschuhen und renitent schwingenden Pferdeschwänzen an, auch sie unerbittliche Brillenträgerinnen allesamt. Sie interessieren sich für so etwas wie Biochemie, sehnen sich pointehalber nach dem Halt der Spießigkeit (nebst Vater) und kümmern sich um ihre peinlichen Mütter, denen (besser ist es) gerade die letzte Scheinausflucht platzt: ein Freundinnen-Landleben in der Uckermark.

Und dann kam Mirna 1., 23., 27. Oktober, jeweils 19.30 Uhr im Maxim-Gorki-Theater. Karten unter Tel.: 20 22 11 15.