Syd Mead: „Downtown Cityscape“, 1981.
Gemälde: Syd Mead

BerlinLos Angeles, November 2019. Wie gewaltige Pyramiden des Kapitalismus nehmen riesige Konzernkomplexe die Skyline ein, eine dunkle urbane Kulisse, wuchtig, menschenfeindlich. Aber nicht ohne visuellen Reiz: Überall ist Licht und Bewegung, über den gewaltigen Silhouetten blinken die Lichter fliegender Autos, auf den teils übervollen, teils menschenleeren Straßen wird die ewige Nacht von zahllosen Neon-Schildern und Video-Billboards unterbrochen.

So stellte sich Ridley Scott die Stadt und ihre Zukunft 1982 in seinem Film „Blade Runner“ vor. Für die visuelle Gestaltung hatte er sich Unterstützung geholt, auf Grundlage des Bildbands „Sentinel“ (1979) auch den amerikanischen Künstler und Designer Syd Mead. Tatsächlich basieren viele Schlüsselmotive des Films – die bedrohlich-futuristischen Hochhausklötze, die Autos, die Straßenszenen, aber auch die detailreichen Interieurs – auf Meads Entwürfen. Nur die Stimmung ist in seinen Bildern eine etwas andere.

Schlüsselmotive von Blade Runner (1982) basieren auf Syd Meads Arbeiten

Wenn man sich inzwischen berühmte Produktionsarbeiten wie „Downtown Cityscape“ oder „Los Angeles Skyline – Night“ anschaut, bemerkt man, dass Meads Umgang mit Licht, Neonschein, Farbe ein vager Hauch von Zukunftsoptimismus eigen ist, der Scotts Film völlig abgeht. Bei Mead hat selbst die Düsternis einen Goldrand.

Die Ausstellung „Syd Mead – Future Cities“ im Charlottenburger O&O Depot, in der Meads „Blade Runner“-Arbeiten erwartungsgemäß eine prominente Rolle spielen, lädt jetzt auch dazu ein, sich mit der Ästhetik und den Subtexten seines Werks auseinanderzusetzen. Der am 18. Juli 1933 in Saint Paul/Minnesota geborene Sydney Jay Mead hatte seine Karriere Ende der Fünfzigerjahre als Industrie-Designer bei Ford begonnen.

Doch im Rück- und Überblick seines Schaffens wird rasch deutlich, dass Meads Arbeiten bei aller Funktionalität und allem Detailreichtum weniger Baupläne als vielmehr Stimmungsbilder sind. Sein „Sentinel“-Buch trug die Unterzeile „Steel Couture“, der Künstler wird dort als ein „Visualisierer des Amerikanischen Traums“ vorgestellt, er illustriert eine futuristische Welt aus utopischer Architektur und schnittigen Auto-Visionen, bevölkert von schönen Männern und Frauen. Ende der Siebzigerjahre entdeckte Hollywood Mead, nach zahllosen Arbeiten für verschiedene Unternehmen wurde er als „Visueller Futurist“ zum gefragten Film-Designer des Science Fiction-Kinos. Für „Star Trek – Der Film“ (1979) entwarf er den planetengroßen Enterprise-Antagonisten V’ger, ein bedrohliches Maschinenwesen, das in Meads Design voller Symmetrien und Disco-Ära-Lichteffekten erschien.

Syd Mead mit markanter Sonnenbrille und Anzug.
Foto: Jenny Risher

Raumschiff aus „2010“ (1984) gehört zu den fundiertesten Darstellungen der Raumfahrttechnik

Ähnlich war auch seine Gestaltung für Disneys „Tron“: Im gleichen Jahr wie „Blade Runner“ zeigte Syd Mead damit eine rasante, futuristische Laser-Show; von dem Film sind eigentlich nur die Verfolgungsjagden auf seinen Computer-Motorrädern in Erinnerung geblieben. Aber Mead konnte Technik auch glaubhaft gestalten, sein sowjetisches Raumschiff Leonov aus Peter Hyams unterschätzter „2001“-Fortsetzung „2010“ (1984) gehört bis heute zu den überzeugendsten Darstellungen futuristischer, aber wissenschaftlich fundierter Raumfahrttechnik.

Mead hat seitdem immer wieder Fahrzeuge oder Hardware für Hollywood-Filme entworfen, von „Aliens“ über „Strange Days“ bis zu „Elysium“. Im O&O Depot und „Future Cities“ stehen Meads Stadtbilder im Mittelpunkt. Konzeptionierung und Kuratorium übernahm Boris Hars-Tschachotin, der sich auf filmisches Produktionsdesign spezialisiert hat und bereits die beeindruckende Ken- Adam-Ausstellung „Bigger than Life“ für das Filmhaus gestaltet hatte. Die 33 zu besichtigenden, um eine kurze Doku ergänzten Werke des bis heute aktiven Designers und Künstlers sind Zeichnungen und Gouache-Bilder für Filmproduktionen, Firmen, aber auch freie Arbeiten.

Deutlich wird da zweierlei: Dass die Zukunft für Syd Mead bis heute ein wundersamer, verheißungsvoller Ort des technischen Fortschritts ist, eingetaucht in Chrom-Glanz und wohlwollendes Abendsonnenlicht. Und klar wird bei allen Wiedererkennungsmomenten auch, wie konsequent und stilprägend Meads Werk bis heute ist: Los Angeles sieht im November 2019 zum Glück nicht wie in „Blade Runner“ aus, aber wenn Menschen – zumindest die eines bestimmten Alters – an die Zukunft denken, schwirren ihnen Syd Meads Ideen und Bilder durch die Köpfe.

Syd Mead – Future Cities bis 16. 1., Mo–Fr 15–19 Uhr und nach Vereinbarung, O&O Depot, Leibnizstr. 60.