Sylvester Groth: „Auch als Schauspieler muss man viel mehr im Lager haben, als man im Schaufenster sieht.“ 
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinSylvester Groth liebt Interviews eigentlich gar nicht, denn er redet nicht gern auf Knopfdruck, aber wenn er auch vom Theater erzählen kann, freut er sich und läuft doch ziemlich schnell warm. Wir treffen uns im Souterrain des Restaurants Borchardt, wo man hört, wie nebenan die Schnitzel geklopft werden und wo außer uns niemand sitzt. Aber man darf hier rauchen, und darauf möchte Sylvester Groth nicht verzichten. Der Kellner hat dafür volles Verständnis und gibt ihm Feuer. Und Groth, der passionierte Raucher, dankt ihm nicht wie einem Dienstboten, sondern wie einem vertrauten „Brother in Crime“. Um seinen neuen Film soll es hier natürlich auch gehen.

Herr Groth, in dem Film „Der Club der singenden Metzger“ spielen Sie einen Clown in Kostüm und Maske und mit den typischen riesigen Schuhen. War das schwer?

Höchstens insofern, als ich Clowns bis dahin eigentlich hasste. Was natürlich auch daran lag, dass ich sie nur als billige Faxenmacher wahrgenommen hatte. Nicht solche Größen wie Charlie Rivel oder Grock, das waren selbst für mich grandiose Artisten, ja sogar Philosophen. Und dann lernte ich Raoul Schoregge kennen, der ist nicht nur ein wunderbarer Clown ist, sondern auch Manager des Chinesischen Nationalzirkus.

Und der hat es geschafft, dass Sie umzudenken begannen?

Ja, denn er hat mir gezeigt, wie viel der Beruf des Clowns in Sachen Timing, Präzision, Körperbeherrschung mit dem Beruf des Schauspielers zu tun haben kann. Und in Sachen Denken, das müssen wir schließlich alle, um unser Publikum zu erreichen. Der Clown kann die Leute mit seinen Mitteln überdies zum Lachen bringen, aber nicht auf die billige Manier, sondern indem er zu einer Figur wird, mit der die Zuschauer etwas anfangen können. Oft hat der Clown in der Manege ein ganz normales Problem und versucht, dieses zu lösen. Das kann sehr komisch werden – wenn er gut ist …

Nein, ich wollte etwas von der Welt mitkriegen und nicht wie ein eingesperrtes Tier im Zoo herumsitzen.

Sylvester Groth

Wie haben Sie sich konkret auf die Rolle dieses alkoholkranken Robert vorbereitet?

Aylin Tezel, die eine Hamburger Zirkusartistin spielt, und ich als ihr Vater, der Clown, haben mit Schoregge eine richtig große, professionelle Nummer einstudiert. Davon sieht man im Film nur sehr kurze Ausschnitte, aber wir wollten diesen Aufwand trotzdem betreiben, weil wir überzeugt waren, dass sonst die ganzen Zirkusszenen nicht stimmen. Auch als Schauspieler muss man viel mehr im Lager haben, als man in der Auslage zeigt. Und man sieht im Schaufenster, wenn nichts im Lager ist!

Die Metzger im Film sind Arbeitsmigranten, die in ihrer schwäbischen Heimat nach dem Ersten Weltkrieg kaum überleben können. Sie sind als DDR-Bürger 1985 in Westdeutschland geblieben. Könnte man Sie auch als Arbeitsmigranten bezeichnen?

Oder eher als politischen Flüchtling? Am besten als Lebensmigranten! Ich war damals 27 Jahre alt und fragte mich: Was habe ich bisher gemacht? Was will ich in Zukunft machen? Was will ich noch erleben? Wolf Biermann war ausgebürgert worden, die Stimmung in der DDR am Boden. Alle meine Freunde verließen die DDR. Sollte ich abschließen und das Licht löschen? Nein, ich wollte etwas von der Welt mitkriegen und nicht wie ein eingesperrtes Tier im Zoo herumsitzen.

Deshalb sind Sie nach einem Engagement bei den Salzburger Festspielen einfach nicht in die DDR zurückgekehrt?

Genau, ich bin ins kalte Wasser gesprungen und wollte mir meinen Traum von der Freiheit erfüllen. Natürlich hatte ich Glück, dass ich im Ausland arbeiten konnte. Ich weiß nicht, ob ich den demütigenden Prozess einer legalen Auswanderung per Ausreiseantrag durchgestanden hätte. Das muss schrecklich gewesen sein. Hut ab vor den Menschen, die es trotzdem gewagt haben.

Hat Sie der Regisseur Johannes Schaaf 1984 als junger Tempelherr in Lessings „Nathan der Weise“ nach Salzburg engagiert, weil Sie eine andere Art des Spielens als Ihre Kollegen im Westen pflegen?

Das kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall habe ich ihm viel zu verdanken. Es sind immer die Menschen, die wichtig sind, die einem helfen, indem sie eine Tür öffnen und dann sagen: „Aber durchgehen musst du schon selbst.“ Man kann nichts allein schaffen.

Gute Regisseure sehen in einer Schauspielerin, einem Schauspieler mehr, als die zu diesem Zeitpunkt selbst wissen?

Sylvester Groth bekam Türen gezeigt. Durchgehen musste er aber allein.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Ich glaube, das ist oft wirklich so. Wer für mich in dieser Hinsicht am bedeutendsten war, ist Klaus Michael Grüber. Er war der beste Regisseur, den ich je kennengelernt habe, und die größte Persönlichkeit im Theaterbereich. Er hatte einfach so viel im Lager, der musste nichts ins Schaufenster legen. Selbst wenn es leer gewesen wäre, hätten die Leute trotzdem davor gestanden und „Oh!“ gesagt. Er war das einzige Genie, das mir je begegnet ist.

Aber sagen Sie mal ein schlichtes Nein oder Ja, und dann meinen Sie das auch so! Das ist wahnsinnig schwer.

Sylvester Groth

Was hat denn diesen großen Regie-Außenseiter gekennzeichnet?

Er war so unglaublich eigenständig, aber nicht, um sich von den anderen Regisseuren abzuheben, sondern weil er ganz klar ausdrücken wollte, wie er die Welt sah. Für ihn waren Details sehr wichtig, eine Geste, ein Blick. Denn die großen Sachen erzählen sich ohnedies von selbst. Er ließ lieber etwas weg als etwas hinzuzufügen. Und er wollte, dass man nicht deklamiert und den Text nicht interpretiert, sondern einfach spricht. Aber sagen Sie mal ein schlichtes Nein oder Ja, und dann meinen Sie das auch so! Das ist wahnsinnig schwer, doch genau da wollte er immer hin. Er hat es ja auch geschafft. Tschechows „An der großen Straße“ 1984 auf der damaligen Kreuzberger Probebühne der Schaubühne ist das Schönste, was ich je gesehen habe.

Wie kann man als Schauspieler zu solch einem verdichteten Minimalismus finden, wie Sie ihn beschreiben?

Grüber hat einen in eine Situation gebracht, dass man ihm nichts mehr vormachen wollte. Das hat er einem ausgetrieben. Er hat einen entblättert. Das hält man nicht ohne weiteres aus. Aber dann ist es das Größte, was es gibt, weil man eine Freiheit gewinnt, alles auf der Bühne zu tun, ohne nachzudenken − weil man nichts mehr spielt, sondern ist, und trotzdem seinen Beruf ausübt, also nichts Privates durchsuppen lässt.

Für das Theater sind Sie nach derlei Höhenflügen nun wohl verloren?

Ich glaube, ich habe alles am Theater gespielt, was für mich vorgesehen war. Ich muss ja nicht bis an mein Lebensende auf der Bühne stehen. Meine Familien habe ich gehabt, an der Schaubühne mit Grüber, in Düsseldorf mit Herbert König, auch ein großartiger Regisseur, selbst wenn ihn heute keiner mehr kennt. König hat mir das artistische, rein äußerlich virtuose Spielen abgewöhnt und gesagt: „Stell dich einfach mal hin und mach mir nichts vor!“ Seine Inszenierung von Goldonis „Der Impresario von Smyrna“ 1982 in Görlitz/Zittau war für mich eine Initialzündung. Er war eigentlich der künstlerische Vater von Frank Castorf. Ohne König wäre Castorf nicht denkbar.

Und wer war beim Film als Regisseur für Sie wichtig?

Auf jeden Fall Frank Beyer! Der hat mich 1983 mit „Der Aufenthalt“ ins Metier gehievt und für meinen Durchbruch gesorgt.

In diesem Jahr wird der Mauerfall vor 30 Jahren gefeiert. Hätte es auch eine andere DDR geben können als die, der Sie entflohen sind?

Nach der friedlichen Revolution mit den positiven Anzeichen für eine politische Veränderung war der Zug für eine bessere DDR leider sehr schnell abgefahren. Das Geld war halt doch stärker und hat alles Weitere bestimmt.

Der Einzige, der das gleich befürchtet hatte, war Heiner Müller, oder?

Er kannte ja den Westen aus direkter Erfahrung. Und wurde bei seiner kleinen Rede auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 heftig ausgebuht. Ja, der guckte sich das einfach an und wird sich gedacht haben, „wenn ihr das Volk seid, bin ich Volker“.

Ich weiß sowieso nicht, wohin ich gehöre. Jetzt gehöre ich hierher, zu Ihnen hier an den Tisch.

Sylvester Groth

Haben Sie noch ein paar Verbindungen in Ihre alte Heimat?

Seine Wurzeln verliert man ja nie. Ich freue mich immer, nach Leipzig zu kommen oder nach Jerichow, wo ich geboren wurde und wo meine Schwester in der Nähe lebt. Aber ich fahre nicht extra hin, weil ich Sehnsucht hätte oder melancholisch wäre. Ich weiß sowieso nicht, wohin ich gehöre. Jetzt gehöre ich hierher, zu Ihnen hier an den Tisch. Heimat ist immer da, wo ich bin und wo ich mich wohlfühle und auch dort, wo ich arbeite.

Hat diese Ungebundenheit mit den Paradigmen Ihres Berufs zu tun? Sie müssen in immer neue Geschichten eintauchen und Figuren schaffen können, die es nur auf der Bühne oder der Leinwand gibt?

Sylvester Groth denkt manchmal, er sei gar nicht da.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Bestimmt! Ich lebe und spiele aus dem Moment. Sonst würde das langweilig werden und wäre nicht mehr lebendig. Früher bin ich deswegen einfach regelmäßig umgezogen, um nicht irgendwo festzukleben und um nicht allzu viel Besitz anzuhäufen. Auch jetzt bin ich gerade wieder dabei, meine Sachen auszumisten. Ich kann mich von allem trennen. Nur meine Bilder gebe ich nicht her, die bedeuten mir wirklich etwas, sie sind von Malern, die ich kenne. Ich muss für mich herausfinden, was wichtig im Leben ist und was nicht. Besitzmäßig komme ich bald wieder auf einen einzigen Koffer zurück, mit dem ich jederzeit anderswohin gehen könnte …

Viel mehr haben die Figuren in Ihrem neuen Film auch nicht dabei, wenn sie per Schiff nach Amerika umsiedeln, oder?

Ja, was für ein Mut! Denn die wussten kaum etwas über das neue Land und verließen trotzdem ihren vertrauten Kulturkreis. Aber ich finde, der Aufbruch und das Risiko lohnen sich, wenn sonst nichts mehr möglich ist − selbst wenn man scheitert. Sich später vorzuwerfen, „Ach, hätte ich doch mal“, ist viel schlimmer. Deshalb tue ich eigentlich immer das, was ich mir in meinen Sturkopf setze.

Was wäre in Ihrem Koffer, wenn Sie, wie der Clown Robert, auswandern würden?

Ein paar meiner kleineren Bilder, ein paar Fotografien aus meinem Leben … Viele habe ich nicht mehr, mein ganzes Eigentum hat sich die Stasi gekrallt, nachdem ich abgehauen war. Und natürlich meinen Pass, den habe ich sehr zu schätzen gelernt – auch als ein Dokument, das beweist, dass es mich gibt. Manchmal glaube ich nämlich, dass es mich gar nicht gibt. Schöner Gedanke, oder? Ich wäre nicht mehr in das Weltgeschehen involviert und nähme trotzdem daran teil – angekommen im Nichts. Welch unglaubliche Freiheit hätte ich dann!

Was würden Sie tun, wenn es Sie nicht gäbe und Sie trotzdem existierten?

Ich weiß es nicht, aber das Nichts als Daseinszustand ist etwas, das mir gefällt. Ich bin kein Buddhist und ich bereue nichts, was ich gemacht habe, ich bin ein relativ zufriedener Mensch. Trotzdem gefällt mir die Vorstellung, keine Verpflichtungen zu haben, keine Geschichte, keine Ziele. Und ich könnte, völlig unbelastet und unbeleckt, auf die Welt zugehen.

Was haben Sie denn noch für Pläne, außer sich dem Nichts anzunähern.

Mich nicht verbiegen zu lassen und ein guter Schauspieler zu bleiben. Das ist genug, und gar nicht leicht!

Der Club der singenden Metzger 27. Dezember, 20.15 Uhr (ARD), Regie: Uli Edel, Drehbuch: Doris Dörrie, Ruth Stadler, mit Jonas Nay, Leonie Benesch, Aylin Tezel, Sylvester Groth, Vladimir Korneev u.a.