Wer regelmäßig in Berliner Kinos geht, dem sind sie mittlerweile – ganz ihrem Ansinnen nach – in Fleisch und Blut übergegangen: einigermaßen flott montierte Werbeclips, gefilmt aus permanent schwenkenden, fahrenden, zirkulierenden Kameras, aufgebrezelt mit sommerlich sprudelndem Deutschpop: Autos düsen freiheitsberauscht über die Karl-Marx-Allee, die untergehende Sonne bricht durch einen Springbrunnenstrahl, Kinder lassen Drachen steigen, U-Bahnen rollen über den Gleisdreieck-Park.

Es drehen sich Dönerspieße im Straßenimbiss und auf spontan eskalierenden Späti-Partys tanzen die Menschen, Witzbolde im Tierkostüm rappen auf der Oberbaumbrücke, andere joggen oder lassen sich tätowieren oder nehmen Straßenbaumaßnahmen vor oder konsultieren Fotoautomaten oder skaten durch gekachelte Unterführungen oder sprühen Graffitis an Betonwände oder bereisen unkrautverwucherte Baulücken in Friedrichshain als Sommerurlaubsziel.

Berlin als liberale, multikulturelle, weltoffene Millionenstadt – und wer das richtige Mineralwasser oder den schmackhaftesten Gerstensaft trinkt, wer die richtige Tageszeitung liest oder den coolsten Stromanbieter wählt, dem ist die Teilhabe an diesem musterhaften Kosmopolitismus automatisch sicher.

Ein Arsenal an traumverlorenen Bildern

Zweifelsohne hat die Öffentlichkeitsarbeit lokaler Unternehmen maßgeblich mitgearbeitet an dieser prototypischen Ikonografie der deutschen Hauptstadt, mit der wohl jeder schon einmal in Berührung gekommen ist und deren überschüssiges Freiheitsversprechen auch jedem schon gemacht worden sein dürfte.

Berlin: Das ist nicht nur der Name einer historisch gewachsenen und gezeichneten Stadt, das ist auch ein Begriff für das Arsenal all jener phantasmatischen und traumverlorenen Bilder, in denen sich diese Stadt darstellt. Und das muss man im Hinterkopf behalten, wenn man Johannes Schaffs experimentelles Berlin-Kaleidoskop „Symphony of Now“ sieht. Denn hinter diesen schweren Bilderteppich aus Image-Ikonen lässt sich heute gar nicht mehr filmen.

Zugrunde lag Schaffs Projekt zunächst aber eine ganz andere Idee: Verschiedene Musiker und Koryphäen der elektronischen Musik – darunter vor allem der Produzent Frank Wiedemann, aber auch Modeselektor, Hans- Joachim Roedelius, Gudrun Gut & Thomas Fehlmann, Samon Kawamura und Alex.Do – haben einen neuen Score für Walther Ruttmanns Klassiker der Neuen Sachlichkeit, „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“, komponiert.

In der Theorie eine spannende Idee 

Ruttmanns Werk von 1927 ist zweifelsfrei eine der Tragsäulen der deutschen Filmgeschichte. Er beginnt mit der Einfahrt eines Schnellzugs in den Anhalter Bahnhof und zeigt in der Folge einen Querschnitt der Berliner Arbeits- und Lebensverhältnisse. Vom Anbruch des Tages führt er seine Zuschauer mittels accellerierender Montagerhythmik hinein in die Fabriken und Büros der Hauptstadt – bis sich der Abend über die Stadt legt und sich die Vergnügungsetablissements der 20er- Jahre mit Menschen füllen.

„Symphony of Now“ versteht sich nun als Neuauflage dieses dokumentarischen Meilensteins der Weimarer Zeit, wobei seine Bilder erst auf der Grundlage jener genannten Neuvertonung des Originals entstanden sind. Mehr als neunzig Jahre liegen zwischen diesen beiden Filmen und verbunden werden sie durch die Musik, die wie ein Brückenelement vom einen zum anderen führt.

In der Theorie mag das wie eine spannende Idee klingen: Die alten Bilder werden zur Triebfeder für eine neue Musik und diese Musik wird wiederum zur Triebfeder für neue Bilder.

Vom Abend in die Nacht

Spannend könnte dieser Ansatz auch sein, wenn „Symphony of Now“ diese Transfers zwischen den Künsten in irgendeiner Form thematisiert hätte. In der Praxis ist dieses Projekt allerdings kaum mehr als das einstündige Konzert einer sich in der Sorglosigkeit des im Zweifel alles meinenden Avantgarde-Begriffs gemütlich machenden Beliebigkeit. Strukturell in fünf Akte gegliedert, übernimmt Schaff den Bauplan des Originalfilms.

Und während Ruttmann vom Anbruch des Tages in den Abend führte, führt Schaff nun vom Abend in die Nacht. Auf Bilder von den Ruinen der Geschichte – die Fassade des Anhalter Bahnhofs oder die Reststücke der Berliner Mauer – folgen Bilder zeitgenössischer Architektur, von Luxusneubauten und Stahlkonstruktionen. Bilder vom Burgerverzehr am Schlesischen Tor kleben an Bildern vom Austernschlürfen in Mitte, Bilder von Anti-Gentrifizierungsdemos verweisen auf Bilder von Outdoor-Massenpartys. Wir sehen Kinder im Park, Menschen im Drogendelirium, genügsame Sterni-Trinker und barocke Champagner-Genießer; DJs, Schauspieler, Fernfahrer, Bäcker, Performance-Künstler und WG-Party-Volk, Fahrradkuriere und Barkeeper.

Ein peinlicher „Weil-wir-dich-lieben“-Gestus

Eine typische Nacht in Berlin, die typischen Akteure und in aller Regel auch die typischen Orte – all das ist schnell und im jeweiligen Rhythmus der Musik (von Techno über HipHop bis hin zu Krautrock) aneinandergeschnitten. Aber der bloße Filmschnitt ist noch keine Montage und der Abstand zwischen zwei Bildern ist noch kein kritischer Zusammenhang. Den Weg hinein in die unterschiedlichen Berliner Lebensrealitäten findet „Symphony of Now“ nicht. Stattdessen fegt er über soziale Vignetten hinweg und bejaht damit letztendlich kaum mehr als jene Welt, von der auch eine lokale Brauerei oder ein Stromanbieter träumen – oder ein globaler Autokonzern: Die Audi City Berlin hat diesen Film mitermöglicht und präsentierte ihn ihm Rahmen der Audi Zeitgeist Projects.

Am Ende steht dieses Projekt der feuchtfröhlichen Berliner Imagekultur deutlich näher als dem trockenen Formalismus des Originalfilm, dessen mythische Aura er angezapft wissen wollte. Mag sein, dass es zumindest im Grundsatz nicht zwingend ein Problem ist, in der Darstellung der Hauptstadt so sorglos über die tatsächlichen Effekte sozialer Ungleichheiten hinwegzufilmen und stattdessen tendenziell gut gelaunt jene Stadt anzuschwärmen, in der wir letztendlich doch alle gut und gerne leben. Für einen Film, der derart stolz im Mantel der Avantgarde daherkommt, ist dieser konservative „Weil-wir-dich-lieben“-Gestus allerdings dann doch ein bisschen peinlich.