In den Siebzigerjahren hielt der Synthesizer in der westlichen Popmusik Einzug und löste das Regime des phallozentrischen Stadionrocks zugunsten futuristischer, nicht minder größenwahnsinniger Bombastorgien vom Schlage von Yes oder Emerson, Lake and Palmer ab. In der äthiopischen Popmusik kam der Synthesizer hingegen erst Mitte der Achtzigerjahre an – über den Umweg Washington DC, wohin es den Organisten Hailu Mergia nach einer desaströsen US-Tour mit anderen Mitgliedern der Walias Band verschlagen hatte.

In seiner Heimat war Mergia bereits eine Berühmtheit, seine Afrofunk-Bigband gehörte in den Siebzigerjahren zu den einflussreichsten Gruppen in der brodelnden Musikszene von Addis Abeba. Die Machtergreifung der Militärjunta hatte der „Goldenen Ära des Äthio-Jazz“ jedoch ein jähes Ende bereitet. Mergia entschied sich gegen eine Rückkehr und teilte somit das Schicksal Hunderttausender äthiopischer Exilanten in der Diaspora. Bis er in einem kleinen Aufnahmestudio einen Moog Synthesizer entdeckte.

Sein Album war ein Wendepunkt in der äthiopischen Musik

Elf Stücke spielte er damit eigenhändig ein, die 1985 in seiner Heimat unter dem Titel „Hailu Mergia & His Classical Instrument“ auf Kassette erschienen. Das Album markierte einen Wendepunkt in der äthiopischen Musik, die unter der Militärdiktatur in einen Dornröschenschlaf gefallen war. Mergias nostalgischer Versuch, mit bescheidenen Studiomitteln an die musikalische Tradition Äthiopiens anzuknüpfen, erwies sich als enorm einflussreich und öffnete – wie schon 15 Jahre zuvor der Äthio-Jazz von Mulatu Astatke, Mahmoud Ahmed und Alemayehu Eshete – die äthiopische Popmusik wieder einen Spaltbreit für die Moderne.

Mitte dieses Jahres ist „Hailu Mergia & His Classical Instrument“ erstmals außerhalb Äthiopiens erschienen – auf dem aufopferungsvollen Fan-Label Awesome Tapes from Africa, das sich der Wiederentdeckung afrikanischer Kassetten-Veröffentlichungen widmet. Auch mit einem zeitlichen Abstand von fast 30 Jahren hat die Musik Hailu Mergias nichts von ihrem hypnotischen Zauber verloren. Tief getränkt von den traditionellen Melodien der Habesha und der Oromo, wird sein Akkordeonspiel von einem sanft tuckernden, synthetischen Puls getaktet und von den analogen Bässen eines Rhodes-Pianos gewärmt.

Durchweht von sublimer Melancholie

Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen. Auf „Hari Meru Meru“ setzt er zu einem verhaltenen Chanting an, auf „Layole“ emuliert der Synthesizer den Handclap einer rituellen Zeremonie. Die Lieder auf „Hailu Mergia & His Classical Instrument“ sind durchweht von einer sublimen Melancholie: die Einsamkeit eines Bandleaders, der fern der Heimat als Ein-Mann-Band überdauert. Umso erfreulicher, dass Hailu Mergia bei seiner Berlin-Premiere am heutigen Abend von den Szene-Größen Tony Buck (Schlagzeug) und Mike Majkowski (Bass) begleitet wird. Sein zweites Comeback kündigt sich auch in Form neuer Studioaufnahmen an. Es sind die ersten seit 28 Jahren.

Hailu Mergia: Montag, 2. 12, 21 Uhr, Monarch Club