Szczepan Twardoch ist einer der bekanntesten Schriftsteller Polens. Zuletzt ist ein Theaterstück mit dem Titel „Der Bulle“ („Byk“) erschienen. In dem Stück geht es um Robert Mamok, einen fünfzigjährigen geschiedenen Mann, der mit seiner Identität kämpft. Der Mann ist in einen Medienskandal verwickelt, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. Hinzu kommen ein Familiengeheimnis und komplizierte Beziehungen zu Verwandten, die aus einer strengen schlesischen Erziehung resultieren. Mamok will abrechnen. Mit der Kraft eines wilden Tieres erhebt er Vorwürfe, stellt Fragen, will herausfinden, was mit ihm geschieht und wer er ist. „Der Bulle“ ist das erste Werk, das Szczepan Twardoch für die Theaterbühne geschrieben hat. Der Journalist Witold Mrozek hat Twardoch zu seinem neuen Stück für die linksliberale polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza interviewt. Wir veröffentlichen Teile des Interviews, aus Verständnisgründen haben wir Formulierungen für die deutschen Leser angepasst.

Herr Twardoch, Sie haben ein neues Stück geschrieben, das in Polen Premiere feiert. In dem Stück „Der Bulle“ beziehen Sie sich auf Ihre schlesischen Wurzeln. In Polen kann man immer noch in Ungnade fallen, wenn es heißt, dass man deutsche Wurzeln, ja vielleicht sogar ein Familienmitglied hat, das im Zweiten Weltkrieg Teil der Wehrmacht war. Bei Donald Tusk fand vor Jahren eine Diskussion über seinen Großvater statt. Tusk als Politiker mit kaschubischem Background hatte bei Teilen der Rechten große Probleme. Haben Sie über diesen Zusammenhang nachgedacht, als Sie Ihr Stück geschrieben haben?

Szczepan Twardoch: Ich habe keinen vollen Einblick in das polnische Bewusstsein. Schließlich ist das schlesisch-historische Gedächtnis völlig anders als das polnische. Es handelt von anderen Ereignissen und hat eine andere Emotionalität. In meinem neuen Stück möchte ich niemanden mit schlesischen Geistern erschrecken. Ich will zeigen, dass es in diesem schönen Staat, der Republik Polen, verschiedene Erinnerungen gibt. In Schlesien erinnern wir uns in unseren Familien anders an den Ersten Weltkrieg, wir erinnern uns nicht an den polnisch-bolschewistischen Krieg, weil die Schlesier nicht dabei waren, an das Gemetzel in Wolhynien (bei den Massakern wurden 1943/44 annähernd 100.000 Polen von ukrainischen Nationalisten in den ehemaligen polnischen Ostgebieten ermordet, Anm. d. Red.), an den Warschauer Aufstand usw. Das gibt es alles in unserer Erinnerung nicht. Das hat Folgen: Unter den Schlesiern hat es nie anti-ukrainische Ressentiments gegeben, da das Massaker von Wolhynien uns nicht betroffen hat.

Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit
Szczepan Twardoch

Szczepan Twardoch, geboren 1979, ist einer der wichtigsten Autoren der polnischen Gegenwartsliteratur. Mit „Morphin“ (2012) gelang ihm der Durchbruch. Für den Roman „Drach“ wurden Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl 2016 mit dem Brücke-Berlin-Preis geehrt. Zuletzt erschienen der Roman „Der Boxer“ sowie das Tagebuch „Wale und Nachtfalter“. Twardoch lebt mit seiner Familie in Pilchowice/Schlesien. Sein neuester Roman „Das schwarze Königreich“ hat 416 Seiten, kostet 24 Euro und ist bei Rowohlt erschienen.

Hat es lange gedauert, bis Sie sich getraut haben, die Figur eines schlesischen Großvaters zu gestalten, der in der Wehrmacht ist?

Nein, solche Figuren sind bereits in meinen früheren Romanen aufgetaucht. Abgesehen von meinen Warschauer Abenteuerromanen schreibe ich meist über mich und meine Familie. Es gibt solche Figuren in „Królestwo“ („Das schwarze Königreich“). In dem Roman gibt es einen schlesischen Geizhals namens Konopka aus Pilchowice, der in der Ukraine auf Juden schießt. Auch in dem Roman „Drach“ gibt es solche Figuren. Dieses Thema war für mich immer präsent. Es ist ein Bestandteil meines Gedächtnisses.

Aber in Ihrem aktuellen Theaterstück „Der Bulle“ tritt dieses Thema noch stärker hervor. In dem Stück ist der Großvater, einer der Protagonisten, kein Opfer, das in das Räderwerk der Geschichte geworfen wird. Im Grunde ist der Großvater ein potentieller Henker.

Man könnte sagen, dass jeder Mensch ein potenzieller Henker ist.

Die Hauptfigur von „Der Bulle“ ist der Enkel des Großvaters. Er erklärt, dass es keinen Unterschied macht, ob sein Opa in der Waffen-SS oder nur in der Wehrmacht war. Es ist nicht bekannt, was sein Großvater an der Ostfront gemacht und dort angerichtet hat.

Das ist eine Aufarbeitung und Konfrontation mit Geschichte, die die Schlesier noch nicht getan haben und wahrscheinlich auch nicht mehr tun werden. Denn der letzte der Veteranen wird bald hundert Jahre alt sein. Wir werden das Thema an deren Gräbern diskutieren, so ist es auch einfacher. Denn bisher waren alle unsere Großväter in der Wehrmacht Fahrer oder Köche, so hieß es jedenfalls. Und dann schaut man sich das Bild von irgendeinem Großvater an und dieser Koch oder Fahrer hat plötzlich zwei Eiserne Kreuze am Revers, oder ein Sturmabzeichen und so weiter. Dies bedeutet natürlich nicht zwangsläufig, dass der Opa ein Kriegsverbrecher war, sondern oft nur, dass er sich im Kampf tapfer geschlagen hat. Aber es könnte auch anders sein. Unsere schlesische Beteiligung an der deutschen Kriegsmaschinerie, die die deutsche Todesmaschinerie verteidigte, ist ebenso unbestreitbar, wie die polnischen Konzentrationslager der Nachkriegszeit für Schlesier und Schlesierdeutsche unbestreitbar sind.

Was wurde in Ihrer Familie darüber gesagt? 

Diese Sachen blieben der jüngeren Generation verborgen. Erst als Erwachsener habe ich erfahren, dass mein Großvater Oskar Twardoch 1943 zur Wehrmacht eingezogen wurde. Er hatte Glück, denn er landete in Holland, in Festungseinheiten, die die Befestigungen bemannten. Er kämpfte dort und wurde dann von den Amerikanern gefangen genommen, und das war‘s. Ich kannte ihn nicht, weil er 1951 durch eine Mine verwundet wurde und an Tetanus starb. Bei der Figur des „Bullen“ handelt es sich nicht um diesen Großvater, sondern um eine universelle Figur aus dem schlesischen Universum. Die Figur des Bullen ist alles in einem. Sie basiert auf denjenigen, die ich kannte, und denjenigen, die ich nicht kannte. Vor allem aber wurde ich durch meinen anderen Großvater inspiriert, mit dem ich am engsten verbunden war. Er starb im November 2020, wenige Monate nach seinem 100. Geburtstag. Nur hatte er das Glück, der deutschen Armee zu entkommen, weil er in der Chemieindustrie gearbeitet hat. Er war ein kluger Mann. Und als er schließlich zum Volkssturm eingezogen wurde, beschloss er, dass es eine exzentrische Idee sein würde, im Januar 1945 für Hitler zu sterben. Er ist desertiert. Die Gendarmerie erwischte ihn, hielt ihn in Gleiwitz fest und wollte ihn hinrichten, aber in der Nacht befahl ein Unteroffizier allen Jungen zu fliehen. Sein Überleben war eine glückliche Fügung. Dann sah er das Massaker in Przyszowice (am 27. Januar ermordeten Rotarmisten mehrere Dutzend Einwohner dieses Dorfes, vergewaltigten die Frauen und brannten die Häuser nieder, Anm. d. Red.).

Albert Zawada
Der Autor

Witold Mrozek, 1986 geboren, arbeitet als Journalist für das Feuilleton der Gazeta Wyborcza, Polens wichtigster linksliberaler Tageszeitung. Er arbeitet zudem als Theaterkritiker und Dramaturg und veröffentlicht Texte in der Krytyka Polityczna.

Ist es möglich, über diese Themen in Polen auf eine Weise zu sprechen, die keine polnischen Vorurteile gegenüber Schlesiern schürt?

Ich stelle mir diese Frage überhaupt nicht. Die polnischen Vorurteile sind mir scheißegal. Polnische Vorurteile sind ein Problem der Polen, nicht meines. Ich bin kein politischer Aktivist, ich muss meine Aktivitäten nicht an irgendwelchen unmittelbaren oder strategischen politischen oder sozialen Zielen ausrichten. Ich bin Schriftsteller und interessiere mich für mein literarisches Werk. Und nicht, ob einige Polen oder die Schlesier mich noch mehr oder weniger ablehnen. Was kümmert mich das?

„Der Bulle“ ist der erste Text, den Sie für das Theater schrieben. Ist das ein Verdienst von Regisseur Robert Talarczyk?

Ich habe sehr gut mit Robert bei „Pokora“ („Demut“) zusammengearbeitet, bei dem er am „Schlesischen Theater“ Regie führte. Dabei hatte ich keine weitergehende Zusammenarbeit geplant. Ich wurde lediglich beauftragt, eine Adaption meines Romans zu schreiben. Robert fragte mich dann: „Du kommst doch zum Schauspieler-Casting, ja?“ Und ich bin gekommen. Wir haben lange nach einem Schauspieler gesucht und schließlich Heniek Simon gefunden. Dann fragte Robert erneut: „Du kommst doch auch zu den Proben, oder?“ Also kam ich auch zu den Proben. Denn wenn ich zum Schauspieler-Casting ging, warum sollte ich dann nicht auch zu den Proben gehen? Und ich blieb bis zum Schluss, drei Monate lang, was dazu führte, dass ich viele berufliche Verpflichtungen verpasste. Das alles fand während des Lockdowns statt, also war es auch eine gute Gelegenheit, aus dem Haus zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, dass mir die Arbeit am Theater so gut gefallen würde. Denn ich interessiere mich nur mäßig fürs Theater. Ich bin nicht daran interessiert, mit meinen Stoffen in einem Theaterrepertoire zu erscheinen, mich mit der Tradition des polnischen Theaters auseinanderzusetzen. Für mich ist das Theater ein Medium, um meine Geschichten zu erzählen. Es ist eine große Genugtuung für mich, gemeinsam mit Robert bei „Der Bulle“ Regie zu führen.

Mitte Februar wurden Sie zum Protagonisten eines Skandals, als Sie trotz des Protests von einem Teil der Jury, angeführt von der Witwe des Mäzens, den Kazimierz-Kutz-Preis erhielten. Heute scheint dies ein Skandal aus der Vergangenheit zu sein.

Ja, aus einer Welt, die schon ziemlich weit weg ist. Noch letzte Woche dachte ich, wir würden unsere Premiere absagen. Denn „Der Bulle“ ist ein Stück über jemanden, der kompromittiert wurde, über eine Medienkrise. Heute funktionieren die Medien anders, wegen des Krieges. Heutzutage könnte man eine schwangere Nonne ohne Führerschein und betrunken auf der Fahrbahn überfahren – und niemand würde darüber schreiben, weil jeder mit einem anderen Thema beschäftigt ist, und das vielleicht zu Recht. Deshalb hielt ich es für unangemessen, das Stück „Der Bulle“ jetzt zu inszenieren, denn die Geschichte kann nur in einer Welt funktionieren, in der es einen normalen Medienkreislauf gibt. Natürlich werden wir nicht in die Welt vor dem Krieg zurückkehren. Aber wir werden zurückkehren, und irgendwie scheinen wir zurückzukehren, zu einer Art „Business as usual“. Das ist ein Merkmal der Gesellschaft im Allgemeinen. Es ist unmöglich, ständig in einem Zustand von so viel Aufregung zu leben. Menschen sind wie Kakerlaken. Sie passen sich an alles an. Davon bin ich ausgegangen, als ich beschlossen habe, diese Premiere doch noch zu machen.

Wie war die Resonanz auf Ihren Facebook-Aufruf an die „Kollegen am Schießstand“, also an die polnischen Jäger, Magazine, Taschen oder anderes Waffenzubehör für die Ukraine zu spenden?

Die Leute haben reagiert, und ich habe mich mit den Jungs von der ukrainischen Territorialverteidigung gut verstanden. Was ich kann, spende ich.

Glauben Sie, dass Ihre Jagdleidenschaft unter Kriegsbedingungen nicht als Exzentrik angesehen wird?

Ich weiß es nicht. Es liegt in der menschlichen Natur – nicht nur in der polnischen –, dass man, wenn man jemanden nicht leiden kann, immer einen Grund dafür finden wird, dies zu tun. Wenn ich jemandem als lächerlich erscheinen soll, dann werde ich auch weiterhin aus hundert anderen Gründen lächerlich erscheinen. Aber ich bin zu alt und zu beschäftigt, um mich darum zu kümmern.

Vielen Dank für das Gespräch.

Szczepan Twardoch. Geboren 1979, schlesischer Schriftsteller, einer der meistgelesenen Schriftsteller Polens. Gewinner des Paszport-Polityki-Preises 2013 für den Roman „Morfina“ und des Kościelski-Preises 2015 für den Roman „Drach“ sowie des Kazimierz-Kutz-Preises (2022). Vor kurzem hat er den Roman „Pokora“ veröffentlicht. Seine Romane haben immer wieder den Weg auf die Bühne gefunden: „Morfina“ wurde am Schlesischen Theater von Ewelina Marciniak inszeniert, „Drach“ und „Pokora“ von Robert Talarczyk, während „Der König“ am Polnischen Theater in Warschau von Monika Strzępka und am Thalia Theater in Hamburg ebenfalls von Ewelina Marciniak inszeniert wurde. Die Opernfassung von „Drach“ wurde von Aleksander Nowak komponiert.

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Das Interview wurde von Tomasz Kurianowicz aus dem Polnischen übertragen.