Eine moderne Frau: Emilie Fontane.
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BerlinAm Montag vor 200 Jahren wurde Theodor Fontane geboren. Das Jubiläumsjahr, das zu seinen Ehren mit unzähligen Veranstaltungen nicht nur in Berlin und Brandenburg aufwartete, mit Lesungen, Theaterabenden, Ausstellungen und schriftlichen Betrachtungen seines Werkes und seiner Person neigt sich dem Ende zu. Braucht man da noch einen Literaturabend, der sich mit Fontane beschäftig? Ja, vielleicht noch diesen einen, der aus dem Briefwechsel zwischen Fontane und seiner Frau Emilie zitiert. Überschrieben ist er: „Die Zuneigung ist etwas Rätselvolles – Eine Ehe in Briefen“.

Ein halbes Jahrhundert waren der Dichter und seine sechs Jahre jüngere Frau Emilie Rouanet-Müller-Kummer verheiratet, mehrere Kinder gingen aus dieser Ehe hervor, nicht alle erreichten das Erwachsenenalter. Auch um die finanzielle Lage des Paares war es nicht von Beginn an rosig bestellt, Existenzängste plagten den viel reisenden Dichter und Journalisten, die Ehe war nicht frei von Streit und Eifersucht, Misstrauen und Dominanzgebaren kamen auf beiden Seiten vor.

Sie sehe aus wie eine schmuddelige „Ziegenhirtin aus den Abruzzen“ spottete Fontane als Kind einmal über seine Spielkameradin Emilie aus der Nachbarschaft. Aus der Ziegenhirtin wurde dann eine begehrenswerte 20-Jährige, die sich wohl ordentlich „verhübscht“ hatte. Eine Zeichnung im Band mit den Briefen zeigt eine wohl sehr schön zu nennende dunkelhaarige Frau mit großen Augen und einem feinen Gesicht, in das sich der Apothekersohn Fontane verliebte.

5 Jahre von Verlobung bis Hochzeit

Im Dezember 1845 wird sich verlobt, bis zur Hochzeit verstreichen noch fünf lange und für die Verliebten quälende Jahre. Der Briefwechsel aus dieser Zeit existiert nicht mehr, die junge Emilie hat ihn verbrannt. Wohl auch, um die eingestandenen Affären ihres Verlobten nicht für die Nachwelt zu dokumentieren. Der Briefwechsel beginnt also kurz nach der Hochzeit – Fontane ist auf Reisen – und zeigt ein Paar, das sich detailversessen gegenseitig den Alltag, die Nöte, Sorgen und Wünsche schildert.

Fast scheint es, als ob beide Parteien versuchten, die Distanz mit möglichst ausführlichen Schilderungen des eigenen Erlebens zu überbrücken. Der Ton ist liebevoll, Fontane ist ein schwungvoller und witziger Briefeschreiber, seine Schilderungen sind spöttisch, mal larmoyant, mal liebevoll, immer treffend: „Das einzig gescheidte Wort, was ich auf der ganzen Reise hörte, floß von den Lippen eines Berliners, der die Klagen eines Militair-Waisenhaus-Zöglings über die ewige Suppen-Esserei im Waisenhaus mit der gewichtigen Bemerkung abschloß: ,na, des weeß ich wol, werde ollen Supfen erfunden hat, des is keen Bratenfreind nich jewesen!'

Man kann nicht leugnen, daß diese Anschauung viel für sich hat. (…) Um 9 Uhr Abends war ich in Köln. Die Stadt ist scheußlich, der Dom das herrlichste, großartigste was ich überhaupt je gesehn.“

Eine moderne Frau auf Augenhöhe

Die „liebe Frau“ und der „Herzens-Mann“ sind ein Paar, wie es sicher wohl gesucht und gefunden hat, auch das belegen die Briefe sehr schön. Emilie ist ihrem geplagten Theodor eine Stütze und gleichzeitig so selbstbewusst, seine Nickligkeiten, die sich oft zwischen den Zeilen, manchmal recht unverhohlen zeigen, auf dem Papier die Stirn zu bieten. Emilie Fontane ist aus heutiger Sicht eine moderne Frau, auf Augenhöhe mit dem nicht immer einfachen, oft gar arrogant-eitlen Dichter.

So sind ihre Briefe die eigentliche Überraschung der Konversation, sie zeigen eine starke Persönlichkeit, die sich „als die ,passende' Frau an seiner Seite ein halbes Jahrhundert bewährt hatte. In den ausgiebigen Briefdebatten zwischen ihr und ihrem Mann, im freundlichen Gedankenaustausch, in der schroffen Auseinandersetzung, ja auch im heftigen Streit und der zärtlichen Versöhnung begegnet der heutige Leser der klugen, lieben und verständnisvollen ,Dichtersgattin', die ihm den Alltag organisierte, die Arbeitsbedingungen sicherte und obendrein als kritische Lektorin und zuverlässige Abschreiberin in seinem ,kleinen Roman-Schriftsteller-Laden' in der Potsdamer Straße unentbehrlich war“, wie es der Herausgeber des Briefwechsels Gotthard Erler beschreibt.

Der muss es wissen, viele Jahre betreute er im Aufbau-Verlag die Fontane-Ausgaben.

Lesung

Die Zuneigung ist etwas Rätselvolles – Eine Ehe in Briefen
Jutta Wachowiak und Christian Grashof lesen aus dem Briefwechsel von Emilie und Theodor Fontane.  Sonnabend, 4. Januar , 19.30 Uhr.  Theater im Palais, Am Festungsgraben 1. Eintritt: 16,50 bis 27,50 Euro. Tel.: 20 10 693