Graphic von Sheree Domingo
Foto:  edition moderne

BerlinIn den letzten Monaten war viel von systemrelevanten Pflegeberufen die Rede. Die Menschen, insbesondere Frauen, die in ihnen arbeiten, kommen oft von weit her. Genau darum geht es in Sheree Domingos Graphic Novel „Ferngespräch“, die sie am Sonnabend im Silent Green vorstellte. Sie erzählt darin von einer Altersheimbewohnerin, ihrer philippinischen Pflegerin und deren Tochter, die sie oft zur Arbeit begleitet, denn sie hat gerade Sommerferien.

Keine der drei will sein, wo sie gerade ist: Die alte Dame wäre lieber in der Vergangenheit. Das Mädchen will verreisen, wie die anderen aus seiner Klasse, am liebsten zur Oma auf die Philippinen. Dahin möchte auch ihre Mutter, die Pflegerin, denn diese Oma liegt im Sterben. Sie kann aber nicht weg, sie muss ja die alte Deutsche versorgen.

Auch Domingos Mutter stammt von den Philippinen und arbeitet in einem Altenheim. Sheree selbst wuchs in Deutschland auf und kennt viele Familienangehörige nur aus der Ferne. Wie kann es sein, fragte Moderatorin Lilian Pithan zu Beginn der Lesung im Rahmen des ilb-„Graphic Novel Day“, dass so wenige Deutsche über durch Arbeitsmigration zerrissene Familien nachdenken? Domingos Antwort war so einfach wie bedrückend: „Vielleicht leben wir gern in der Illusion, dass unser Wohlstand nicht auf Ausbeutung beruht.“

Ihr hochgelobtes Comic-Debüt thematisiert diese Ausbeutung als vielschichtiges Kammerspiel. Mit sicheren Strichen und starken Farben zeigt sie die Härte einer Situation, zu der auch die in Deutschland tabuisierte Alterseinsamkeit gehört. Sie zeigt aber auch Traumbilder von goldenen Stränden und eine vorsichtige Annäherung zwischen dem Mädchen und der alten Frau. Und dann ist da noch ein verhaltener Humor, etwa wenn sie verwirrte Tauben durch die Panels flattern lässt.

Offensiv witzig ist ihr Comic „The Tragedy of Dying Houseplants“, der sich den Topfpflanzen achtsamkeitsversessener Großstädter widmet. In lustiger Überzeichnung einer selbstverliebten Instagram-Ästhetik wird das Verhältnis Mensch-Natur vorgeführt. Domingo erzählte, dass sie hierfür von ihrer Arbeit für die Universität Tübingen und das Naturkundemuseum Berlin inspiriert wurde, für die sie einen Comic über Ethik und Gen-Veränderung gestaltete.

Sheree Domingo übersetzt hochpolitische Themen in zugängliche, wunderschöne und komplexe Motive. Der bunte philippinische Fächer etwa, der in „Ferngespräch“ immer wieder auftaucht und die Phantasie des Mädchens beflügelt, ist mit einem Touristenmotiv bemalt. Sicherlich ist der Wohnort der Familie nicht so idyllisch - in einem Land, aus dem zehn Prozent der Bevölkerung wegen Armut auswandern. „Meine Mama sagt, es ist wie das Paradies“, heißt es in Domingos Comic dennoch. Solche Momente bringen die Absurdität einer Zeit auf den Punkt, in der Reiseziele des reichen Westens das unerreichbare Zuhause seiner unterbezahlten Arbeitskräfte sind.

Die Lesung endete mit einer (natürlich gezeichneten) Hommage an ihre belgische Kollegin Judith Vanistendael, die direkt nach ihr im Silent Green zu Gast war und ihren Comic über eine Ärztin in Aleppo vorstellte. Offenbar ermutigte sie Domingo in einer verzagten Phase, „Ferngespräch“ fertigzustellen. Man kann sich dafür nur bedanken.