Es war alles vorbereitet für einen fröhlichen Nachmittag.

Die Berliner Festspiele und die Bundeszentrale für politische Bildung hatten die „Freunde des Internets“ zu einem Tag der „Netzkultur“ eingeladen. In Vorträgen, Diskussionen und Workshops sollten geladene Gäste und Publikum über „unsere digital veränderte Lebenswirklichkeit“ sprechen, bloggen und twittern. Dafür gäbe es WLAN – also freien Internetzugang für alle, verkündete die Kuratorin Nikola Richter stolz, und wie bestellt ließ sich prompt beobachten, wie junge Frauen mit großen Brillen und junge Männer mit Vollbärten sich auf den großen Sesseln im designierten Lounge-Bereich mit einer Kräuter-Limonade niederließen und ihre Computer aufklappten.

Die Veranstalter hatten außerdem auch eine eigene Twitter-Leiste, #nk1314, eingerichtet und dazu eine Twitter-Ombudsfrau engagiert, die während der Gesprächsrunden Beiträge derjenigen vorlesen sollte, die nicht anwesend waren, die Ereignisse aber per Livestream im Internet mitverfolgten. Und für den Abend stand ein Konzert eines „Elektro-Pioniers“ auf dem Programm.

Kritischer Einspruch von Juli Zeh

Davor sollte es aber einen „eher kritischen Einspruch“ geben, wie Kuratorin Richter den Vortrag der Schriftstellern und Politaktivistin Juli Zeh ankündigte. Und Zeh, Initiatorin eines von zahlreichen Autoren mitunterzeichneten offenen Briefs an Angela Merkel, in dem die Bundeskanzlerin zu einer „angemessenen Reaktion“ auf die Abhöraffäre aufgefordert wird, lieferte brav wie bestellt.

Zeh sagte, das Internet sollte weder glorifiziert noch verdammt werden. Die gesammelten Gemeinplätze über das Internet seien allesamt gefährlich. So hieße es etwa, alles, was technisch möglich sei, würde auch gemacht. Dem sei aber nicht so, was schon am Umgang mit Atomwaffen erkennbar sei, aber auch daran, dass sie, Juli Zeh, nicht von ihrem Rednerpult in die erste Reihe springe, um die dort selbst twitternde Twitter-Ombudsfrau zu erwürgen. Darin hindere sie schon ihr Rechtsgefühl.

Gemeinplatz Nr. 2, Geheimdienste seien total geheim und würden sowieso tun, was sie wollten. Tatsächlich betrieben NSA und Konsorten aller Länder aber beständige politische Lobbyarbeit, um die gesetzlichen Grundlagen ihrer Arbeit zu sichern oder auszuweiten. Auf gleichem Wege könnte die staatliche Überwachungsmaschinerie eingegrenzt und rechtsstaatlich kontrolliert werden. Und schließlich hieße es, international agierende Großkonzerne seien nicht zu regulieren. Tatsächlich hielten sich aber alle beispielsweise an das vierzehntägige Umtauschrecht bei Bestellungen im Netz – weil sie gesetzlich dazu verpflichtet wurden.

"Der Einzelne muss es kontrollieren können"

Juli Zeh wies auf die Gefahren allumfassender Datenerhebung im Internet hin: „Das Sammeln persönlicher Dinge im Internet sollte verboten werden. Man soll alles machen dürfen, aber es soll in der Verfügung jedes Einzelnen stehen. Er muss es kontrollieren können.“

Die Kuratorin Richter gab sich pflichtschuldig „aufgerüttelt“, die Ombudsfrau las Twitter-Beiträge vor. Das Saalpublikum zückte das Smartphone. Was aber heißt „alles machen dürfen“?

Die Benutzung von Google, Facebook und Twitter kostet den Benutzer keinen Cent. Der Internet-Philosoph Jaron Lanier warnt in einem Buch nach dem anderen, dass es schließlich die Benutzer dieser Internetseiten selbst seien, die ihre Daten gegen die beliebten Dienste eintauschen. Der Widerspruch kam nicht zur Sprache, aber er hing fortan in der Luft – oder wie es „netzkulturell“ heißen müsste: Er hing in der Cloud.

Schirrmachers alarmistische Neigung war angebracht

Nachdem sich die Besucher in Remix-, Blogger- und Twitter-Workshops fröhlich ausprobieren konnten, holte am Abend Frank Schirrmacher die Widersprüchlichkeit dieses Vergnügungs-Verwertungskomplexes mit einiger Gewalt wieder aus den virtuellen Wolken herunter. Tatsächlich war an diesem Tag Schirrmachers Neigung zur – gelinde gesagt – alarmistischen Übertreibung, einmal am richtigen Platz.

Der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist im Laufe des vergangenen Jahrzehnts in den Debatten über die Auswüchse des Neoliberalismus weit nach links gerückt. In seinem Vortrag, eine kondensierte Fassung seines im Frühjahr erschienenen Bestsellers „Ego. Das Spiel des Lebens“, sprach er vom „Eintritt einer Zentralgewalt“ ins Internet, einer mächtigen Allianz aus Unternehmen und staatlichen Bürokratien mitsamt ihren Geheimdiensten.

Die NSA sei nicht „der feuchte Traum der Stasi“, sondern der feuchte Traum Friedrich August von Hayeks, des Apostels neoliberalen Denkens. Die Debatte über Internet und Überwachung sei nicht moralisch zu führen, sondern streng ökonomisch: „Es geht nicht um George Orwell. Es geht nicht um Aussagen, die unterdrückt werden. Es geht um eine Leitökonomie, es geht um Verteilungsfragen.“

Die Daten des Einzelnen sind für einen halben Cent zu haben

Das Gut, um das dabei gestritten wird, sind die Daten. Der vom Professor zum Unternehmer gewandelte Autor Eric Siegel rechnet dazu in seinem Buch „Predictive Analytics“ über die Vorhersehbarkeit menschlichen Handelns mittels Datenanalyse vor, dass die Daten eines Einzelnen für einen halben Cent zu kaufen sind. Der durchschnittliche Wert dieses Informationssatzes für die Internetwerbeindustrie hingegen beträgt 1200 Dollar. Das US-Unternehmen Cisco, deren Router und Server das weltweite Netz laufen lassen, hat jüngst versucht, auf diesen Zahlen aufbauend, den Wert des Internet zu berechnen und kam bis 2022 auf die Zahl 14, 1 Billionen Dollar.

Schirrmacher rief wie Stéphane Hessel „Empört euch!“. Als aber das nun doch aufgeschreckte Publikum von der zu stellenden „Machtfrage“ und „Widerstand“ zu schwadronieren begann, fing Schirrmacher wie ein altersweiser Onkel wieder an, die Twitter-Truppen zu beruhigen. „Wir brauchen keinen Internet-Karl-Marx, ein Ludwig Erhard würde schon reichen.“ Wenn nicht Wohlstand, dann wenigstens WLAN für alle.