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Jedes Jahr rücken am Tag der Pressefreiheit, dem 3. Mai, bedrückende Zahlen ins öffentliche Bewusstsein: Die Rangliste jener Staaten, in denen Journalisten unterdrückt, eingesperrt und drangsaliert werden, wirft einen deprimierenden Blick auf den Zustand der Pressefreiheit weltweit, die mancherorts sogar ganz existenziell bedroht ist, was auf traurige Weise die Zahl der getöteten Journalisten belegt. 2012 sind es bereits 19 Medienschaffende.

Zu den Ländern, in denen die Pressefreiheit eingeschränkt oder kaum existent ist, zählen auch Iran, China, Ägypten und Russland. Umso mehr kommt in diesen Ländern Bloggern und Internetjournalisten eine wichtige Rolle zu. Auf Einladung der Deutschen Welle sind Blogger aus diesen vier Staaten derzeit in Deutschland, um in einer Jury die besten Blogs weltweit auszuwählen und sie mit dem „Bob“-Preis („Best of Blogs“) zu würdigen.

„Fenster der Angst“ gewinnt

Die höchste Auszeichnung hat dabei der Exiliraner Arash Sigarchi für sein Blog „Window of Anguish“ („Fenster der Angst“) erhalten. In seinem Blog berichtet der Journalist über soziale und politische Themen im Iran, insbesondere über die Lage der Menschenrechte. Sigarchi lebt seit 2008 in den USA. 2004 war er im Iran wegen seiner Berichterstattung zu 14?Jahren Haft verurteilt worden.

Die Situation der Blogger ist in den jeweiligen Ländern sehr unterschiedlich: In Ägypten etwa können die Blogger nach der arabischen Revolution im letzten Jahr et was freier arbeiten, das heißt aber nicht, dass sie nicht drangsaliert würden, erzählt Tarek Amr, der seit acht Jahren bloggt. „Die Leute werden bei uns derzeit mit jeder Menge Verschwörungstheorien gefüttert, der Militärrat treibt sein eigenes Spiel – umso wichtiger sind ungefilterte Informationen im Netz, das weiß auch die Zensur und hat auch bereits einige Blogger ins Gefängnis gesteckt“, sagt Amr.

Mittlerweile habe man aber zusätzliche Quellen, etwa Leute, die politisch arbeiten, insofern sei die Situation heute durchaus besser, als zu Zeiten des Mubarak-Regimes. „Blogger arbeiten heute sehr viel konkreter und agitieren oft gegen ein bestimmtes Gesetz oder Projekt des Militärrates“, erzählt Amr. „Sie dürfen nicht vergessen, wir sind gerade in der Phase, in der ein neues Grundgesetz erarbeitet werden soll – da kommt es verstärkt darauf an, diesen Prozess zu beobachten“.

In China herrscht Nervosität

Besorgniserregend ist die Situation der Blogger und Menschenrechtler nach wie vor in China. Derzeit herrsche eine große Nervosität und Angespanntheit wegen der Wahl der neuen Parteiführung im Herbst, sagt Issac Mao, einer der bekanntesten Blogger in China mit Wohnort in Shanghai.

In diesen Tagen ist der Fall des blinden Bürgerrechtlers Chen Guangcheng in den Schlagzeilen, er ist in die US-Botschaft in Peking geflüchtet. „Dieser Fall war schon lange in den Blogs zu lesen, er geht zurück bis ins Jahr 2003, aber in den offiziellen Medien in China würde man nie etwas darüber lesen“, meint Mao. Bedingt durch die repressive Zensur würden sich Blogger mit Synonymen behelfen.

In Asien sei derzeit aber nicht davon auszugehen, dass das Netz eine Rebellion befeuert, wie in Nordafrika, sagt Isaac Mao. Dazu sei die Unzufriedenheit noch nicht groß genug. Wichtiger sei, dass die chinesische Führung gewisse Freiheiten im Netz gewähre, wenn es um unpolitische Themen geht: „Das nennt man die „Süße-Katzen-Theorie“.

Die vom Internettheoretiker Ethan Zuckerman entwickelte Theorie besagt, dass sich Unmut in der Netzgemeinde erst dann in Protest auf der Straße umschlägt, wenn auch unterhaltende Inhalte zensiert würden, wie beispielsweise das Anschauen von Videos, in denen süße Kätzchen zu sehen sind.

Egal, ob man diese Theorie nun glaubt oder nicht, fest steht: Im Iran hat das Internet zur sogenannten Grünen Revolution beigetragen. Facebook, Twitter und Youtube-Videos haben über Wochen die Proteste befeuert, bis sie schließlich blutig niedergeschlagen wurden.

Arash Abadpour, ein iranischer Blogger, der heute in Toronto lebt, erzählt, dass im Iran alles unter Verdacht stehe, was westlichem Lebensstil gleicht. Die Regierung strebe man ein „Halal Internet“ an, ein „sauberes Internet“, das die Moralvorstellungen des Islam berücksichtigt.

Protestaufruf via Twitter

In Russland ist die Situation noch einmal etwas anders. "Blogger sind bislang recht frei zu schreiben, was sie wollen", meint Alexander Plushev, einer der wichtigsten dort. Ein Nachteil sei, dass nur wenige User die Websites besuchen.

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„Das ändert sich aber gerade, vor allem nach der manipulierten Präsidenten-Wahl im März“, sagt Plushev. Die Opposition bereitet sich auf den „Marsch der Millionen“ vor, der am 6. Mai stattfinden soll. Die Aufrufe dazu werden in Blogs und via Facebook und Twitter verbreitet.

Einig waren sich die Blogger, dass eine Zusammenarbeit mit den etablierten westlichen Medien notwendig ist, um Presse- und Meinungsfreiheit in ihren Ländern zu fördern. Zum einen gehe es darum, einem möglichst breiten Kreis über die Situation in den Ländern aufzuklären. Zugleich schütze eine große Aufmerksamkeit die Schreiber vor Repressionen in ihrem Land.