Plötzlich 1. Klasse: Soll ich als Sozialist das Bahn-Upgrade annehmen?

Unser Kolumnist bekam eine Einladung der Bahn, für einen schmalen Taler im Luxuswaggon zu reisen. Dann plagten ihn die Zweifel. Und Sahra Wagenknecht.

Postkutsche um 1935. Mit dem Bahn-Upgrade geht's schneller und schicker.
Postkutsche um 1935. Mit dem Bahn-Upgrade geht's schneller und schicker.imago/Arkivi

Immer wieder wird man belehrt, was man tun solle, wenn einem das Leben Zitronen schenke, aber mir wurden, ehrlich gesagt, noch nie im Leben Zitronen geschenkt. Dafür aber Prosecco. Gerade gestern erst. Am Maybachufer. Nachdem mein Kumpel L. und ich den orangenen Wein zu unserer Pizza getrunken hatten, brachte der Kellner uns noch Prosecco, den wir gar nicht bestellt hatten, was wir dann auch sagten. Haben wir den bekommen, weil ich bei der Reservierung „besonderer Anlass“ angeklickt hatte? Was wäre dann erst passiert, falls ich „Date“ oder „Jahrestag“ ausgewählt hätte?

Und als hätte es das Leben nicht eh schon großzügig genug mit mir gemeint diese Woche, flatterte heute früh dann auch noch eine Mail der Deutschen Bahn in mein Postfach: „Exklusives Upgrade in die 1. Klasse für Sie verfügbar“. Oha! Aber jetzt kommt’s: für nur 9,90 Euro Aufpreis, von Berlin bis nach Frankfurt, vier Stunden ICE-Fahrt. Ein Schnäppchen! Günstiger als das vegane „Chicken“-Curry im Board-Restaurant.

Dann aber doch schnell meine Zweifel: Soll ich das wirklich machen? Sollte ich nicht lieber die 9,90 Euro einem Obdachlosen in der Winterkälte spenden? Ehrlich gesagt, hatte ich davor sogar noch drei andere Ideen, wie ich das Geld sinnvoller ausgeben könnte als mit diesem Upgrade. Halte ich mich für etwas Besseres, wenn ich 1. Klasse fahre? Kann ich links wählen und mir noch in den Spiegel schauen, wenn ich dieses Upgrade annehme? Bin ich ein Salon-Linker? Also quasi die Vorstufe zum Kaviar-Bolschewisten und das Gegenteil zum Aldi-FDPler?

Dagegen stand der Gedanke: Im 2.-Klasse-Großraum wird es vielleicht laut sein. Von Kindern, die Uno spielen, über Kinder, die gewickelt werden, bis zu Erwachsenen, die Voice-Messages „verfassen“, Scooter hören oder „Emily in Paris“ gucken, und das noch ohne Kopfhörer. Wie schön wäre es dann, dem banalen 2.-Klasse-Alltag erhaben enthoben im weiten, edlen Sessel zu entschlummern? Champagner statt Sterni! Die imaginäre Sahra Wagenknecht in meinem Kopf gab mir recht: „Die Leute in der Bretterklasse: Warum essen die nicht Hummer?!“ Möglicherweise sogar veganen Hummer. In Blattgold? Letztlich habe ich mich dann für das Upgrade entschieden. Ich schade damit ja niemandem – oder? Ich investiere allenfalls in nachhaltigen Verkehr.

Nur wenig später bekam ich eine Mail vom vegetarischen Cookies-Cream-Restaurant, ob ich nicht in ein 5-Sterne-Ski-Resort nach Sankt Moritz in die Schweiz reisen wollen würde, mit privatem Ski-Lift. Wussten die etwa von meinem Lebensstil-Upgrade? Jedenfalls: Warum nicht? Wenn man erst mal First-Class-Blut geleckt hat! Dann aber der Schock: Die wollten dafür nämlich doch etwas mehr als 9,90 Euro. Ob ich final wirklich Sahra Wagenknecht getroffen habe? Das lesen Sie demnächst an dieser Stelle – falls Sie mir nach meinem Erste-Klasse-Upgrade dann noch in die Augen schauen können.