Wollte unbedingt berühmt werden: die Schriftstellerin Mary MacLane (1881–1929).
Foto: Reclam-Verlag

BerlinSie sei „ausgesprochen originell“, behauptet Mary MacLane, 19 Jahre alt, aus der Bergbaustadt Butte in Montana, von sich. Und überhaupt: „Ich bin ein Genie.“ Da befinden wir uns immer noch auf der ersten Seite, im ersten Eintrag, datiert auf den 13. Januar 1901.

Niemand sollte also sagen, die provozierende Attitüde der Autorin sei eine Überraschung. Sie ist in ihrem 170-Seiten-Werk „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ von Anfang an enthalten. Gedruckt wurde es 1902, gleich nach Erscheinen wurden 100.000 Exemplare verkauft. Jetzt erst, 118 Jahre später, liegt die erste deutsche Ausgabe vor. Die Übersetzung besorgte die Lyrikerin und Erzählerin Ann Cotten. Ihre Sprachmacht, ihr Rhythmusgefühl sorgen dafür, dass das Buch auch heute noch eine Wucht hat und die Leserin, auch den Leser, herausfordert.

Das Buch gestattet den Blick in den Kopf und das Herz einer jungen Frau von vor mehr als hundert Jahren – und wirkt dabei frisch, oft originell, zuweilen lustig. Mary MacLane zelebriert das Verspeisen einer Olive („der Speichel eilt ihr entgegen“, die Zunge ist „elektrifiziert“), sie huldigt dem „Glück, das von frischgewaschenen Füßen kommt“, meist streift sie philosophierend durch den Sand und die Ödnis Montanas. Manchmal lesen sich ihre Ausführungen auch anstrengend pubertär. „Ich will Ruhm mehr, als ich aussprechen kann.“

Sie schreibt von sich in einer Weise, als würde sie sich selbst sezieren. „Mein Herz ist voller Lust. Meine Seele ist voller Leidenschaft. Mein Leben ist ein Leben der Sehnsucht.“ Das Ergebnis setzt sie ins Verhältnis zu ihrem engeren und weiteren Umfeld. Sie arbeitet sich an dem ab, was sie in Literatur und Zeitungen findet, dabei immer wieder an dem Buch mit der seinerzeit meisten Verbreitung: der Bibel.

Sie mag kein Genie gewesen sein, aber zweifellos eine sehr gute Autorin. MacLane wusste, wie Literatur wirken kann, nicht nur die (vorgeblichen) Tagebucheinträge sind unterschiedlich lang, auch die Tonlage wechselt. Vom Bericht über den Appell bis zur Traumerzählung. Dazwischen macht immer wieder der philosophische und gesellschaftskritische Zugriff der Autorin auf ihren Stoff das Buch anregend: „Die Künste und die Wissenschaften kommen immer weiter voran – und wir wundern uns. Wir haben noch nicht aufgehört zu weinen. Und wir leiden 1901 noch genauso, wie sie 1801 litten und schon 801.“

Es macht Spaß, das zu lesen, weil man mit dem eigenen jüngeren Ich vergleicht, mit heutigen  jungen Frauen, die einem vertraut sind, oder mit prominenten wie Greta Thunberg, Helene Hegemann oder Sophie Passmann. Mary MacLane schrieb zu einer Zeit, die technologisch Äonen vor unserer liegt, auch rechtlich hat sich die Situation der Frauen immens verbessert. Doch weil es in der Wahrnehmung von Frauen, in ihrer Karriere und Bezahlung weiter Ungleichheit gibt, haben wir es bei Mary MacLanes Pamphlet eben nicht nur mit einem historisch interessanten Werk zu tun.

„Wäre ich als Mann geboren worden, hätte ich bereits einen tiefen Eindruck in der Welt hinterlassen“, schreibt sie, und später, in düsterer Symbolik: „Eine Menschenfrau wird vom schönen Körper ihrer Mutter geboren, mit einem seltsamen, verpesteten Namen gebrandmarkt und in die Welt losgelassen; und lebt eine Weile und stirbt.“ Und ein paar Zeilen später: „Der Name – das verpestete Wort, das in ihre Haut eingebrannt ist – heißt Frau.“

Erfolg und Ruhm möchte sie, auch Liebe. Sie hat da die „Anemonendame“ im Auge, ihre ehemalige Lehrerin, die leider in eine andere Stadt gezogen ist. Sanft schildert sie deren Vorzüge. Was MacLane niemals werden möchte, offenbar aus Erfahrung, ist eine „tugendhafte“ Frau, „jene missgebildete Monstrosität“. Kaum sind die derben Worte ausgespuckt, dimmt sie die Lautstärke, um wie nach einem Kampf nachzusetzen: „Alles, Teufel, nur das nicht. Und daher habe ich, wenn ich über die Dächer und Schornsteine blicke, ein müdes, angeekeltes Gefühl.“

Der Teufel hatte es in der Erstausgabe noch nicht in den Titel geschafft, damals wurde das Buch als „The Story of Mary MacLane“ verkauft. Der Teufel, der ewige Konterpart in Erziehung und Bildung, taucht als Sehnsuchtsfigur immer wieder auf, „genau die Art von Mann, die mein hölzernes Herz erwartet“. Der andere noch halbwegs annehmbare Mann ist bereits tot: Napoleon.

Recht eigentlich haben wir es mit einem Paradoxon zu tun. Die 19-jährige Autorin argumentiert vom Standpunkt der Übersehenen aus. Mit der Schilderung ihres Aufwachsens unter Brüdern mit einer lieblosen Mutter, mit ihren Thesen und Lesebeispielen arbeitet sie sich großspurig an der Welt als Gegner ab. Jedoch stieß sie auf Gefallen. Der erste Verlag, bei dem sie das Manuskript einreichte, gab es einem zweiten weiter, der es prompt publizierte. Mit Erfolg. Die Autorin schrieb noch zwei weitere Bücher, schließlich ein Drehbuch für einen Stummfilm, in dem sie selbst die Hauptrolle spielte. Mit nur 48 Jahren starb sie 1929 in Chicago. Sie hatte ihren Triumph gehabt.

Mary MacLane: „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“. Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Ann Cotten. Reclam, Stuttgart 2020. 206 S., 18 Euro