Irgendwann rund um den Jahreswechsel wird die Nachrichtenredaktion der ARD ihr neues Studio beziehen. Wann genau, ist ungewiss – noch läuft bei den Proben mit der neuen Technik nicht alles rund. Aber wenn es soweit ist, dann wird sich auch für Ingo Zamperoni einiges ändern: „Ich kann stehen, statt wie bisher sitzen. Allein darauf freue ich mich schon.“

Zamperoni ist der Durchstarter der Redaktion ARD-aktuell. Seit diesem Frühjahr führt er nicht mehr nur durch das „Nachtmagazin“, sondern präsentiert immer mal wieder auch die „Tagesthemen“. Der 38-Jährige springt als feste Vertretung ein, wenn Caren Miosga und Tom Buhrow nicht können. Heute geht es für ihn wieder für ein paar Tage los.

Im Auge des Shitstorms

Was die neue Rolle bedeutet? Zamperoni sagt erst mal Erwartbares: Das sei ein ganz schöner Sprung, die „Tagesthemen“ immerhin das Hochamt der ARD, nicht einfach die gleiche Sendung zu einer anderen Zeit. Doch wenn er aus seinem Alltag berichtet, dann zeigt sich, was dieser Karriereschub mit sich bringt. „Das ,Nachtmagazin‘ ist, bei aller Seriosität, auch eine Spielwiese“, sagt Zamperoni. Mal fliegen bei einer Anmoderation Papierflugzeuge durchs Bild, dann wieder synchronisieren sich Nachrichtensprecher und Moderator gegenseitig. Vor allem aber, sagt Zamperoni, fahren die „Tagesthemen“ stets unter Volllast, während das „Nachtmagazin“ immer wieder versuche, „Mensch und Material zu schonen“. Für das Nachrichtenmagazin am ganz späten Abend zeichneten sie Schaltgespräche auch auf, um Korrespondenten nicht noch um ihre letzten Stunden Schlaf zu bringen.

Dass bei den „Tagesthemen“ mitunter nicht nur die Redaktion, sondern auch das Publikum gnadenlos sein kann, hat Zamperoni selbst erlebt. „Immerhin weiß ich jetzt, wie es sich im Auge eines Shitstorms anfühlt“, sagt er zu jenem Abend im Juni dieses Jahres. Zamperoni war damals der Halbzeitfüller. Deutschland trat gegen Weltmeister Italien an, es ging um den Einzug ins Finale der Fußball-Europameisterschaft. „Möge der Bessere gewinnen“, sagte Zamperoni – halb Deutscher, halb Italiener. Italien führte bereits 2:0. Danach lief die Empörungsmaschine an. „Waschkörbeweise“ kam das Geschimpfe bei ARD-aktuell an. Nachdem sein Chef Kai Gniffke ihn überraschend deutlich verteidigt habe, sei dieser auch noch selbst Zielscheibe geworden. Er möge doch Fernsehdirektor der Rai, des ARD-Pendants in Italien, werden, hätten einige gehetzt.

So war Zamperoni über Nacht bundesweit bekannt. Und die ARD weiß seitdem, was sie an ihm hat. Er schafft etwa den Balanceakt, locker und seriös zugleich durch Sendungen zu führen. Gleichzeitig aber hat Zamperoni auch ein Problem: Oft ist er viel zu freundlich, seinen Moderationen fehlen die Ecken und Kanten. Zamperoni buhrowt zu sehr und klebert zu wenig. Er ist damit die ideale Vertretung. Sätze über Schlechtes im Fernsehen, auch außerhalb der ARD, lässt er sich nicht entlocken. Auch Optionen für seine Karriere schließt er nicht aus. Weiter moderieren? Wieder als Reporter arbeiten? Talken? Alles sei denkbar.

Dass ihm so ein klares journalistisches Profil fehlt, heißt wiederum nicht, dass es ihm auch an Erfahrung mangelt. Man traut es ihm auf den ersten Blick zwar nicht zu, aber Zamperoni hat für den NDR vor laufender Kamera schon mal eine dieser Kaffeefahrten gesprengt. Er war für die ARD in Afghanistan unterwegs. Beim Elbehochwasser stand er sogar knietief in der Brühe.

„Vorstellen kann ich mir natürlich vieles“, sagt Zamperoni, der einst in Wiesbaden aufwuchs, unter anderem in Berlin studierte und beim Norddeutschen Rundfunk volontierte. Guttun könnte ihm etwa eine Station als Korrespondent – eine Reifephase, die herausragende Moderatoren üblicherweise mitbringen, die Zamperoni aber fehlt.

„Allein schon aus familiären Gründen würden mich da USA oder Italien reizen“, sagt der mit einer Amerikanerin verheiratete Halbitaliener. Den berühmte Anruf von „Tagesthemen“-Chef Thomas Hinrichs, dem Mann hinter Kai Gniffke, ereilte Zamperoni an den Weihnachtsfeiertagen vor bald einem Jahr kurz vor Chicago. Er saß am Steuer, Frau und Kinder um sich herum: „Ich wäre buchstäblich fast in den Graben gefahren.“

Aber hat das alles eigentlich noch eine Zukunft in dieser Welt, in der Nachrichten zunehmend in Eile erfasst werden? „Ich bin davon überzeugt, dass es wieder einen Trend weg von der Kleinteiligkeit der Informationen im Internet geben wird“, sagt Zamperoni. „Gewichtung, Vorauswahl und Orientierung wird immer mehr gefragt sein.“ Natürlich ertappe er sich aber auch selbst dabei, beim Warten auf eine Bahn sein Bedürfnis nach Neuigkeiten am Handy zu befriedigen. Als Twitter-Nutzer @Ingo_Zamperoni trägt er zudem auch selbst dazu bei, dass immer mehr Informationsschnipsel unterwegs sind.

Mehr Bewegungsfreiheit

„Das neue Studio wird uns helfen, mit einer neuen Anmutung neues Interesse zu wecken“, sagt der Nachrichtenjunkie. Er wird mit seinen Kollegen künftig nicht nur stehen, sondern sich auch zunehmend bewegen dürfen und müssen – etwa um Infografiken zu erklären.

Zamperoni hat sich bereits mit fünf Jahren „Nachtmagazin“ an diese Bewegungsfreiheit gewöhnt. Gut möglich deshalb, dass er sich im neuen Studio anfangs routinierter bewegen wird als die Vollzeitmoderatoren der „Tagesthemen“. Die klebten bisher meist förmlich an ihrem Tisch. „Ich fühle mich genau da richtig, wo ich derzeit bin“, sagt Ingo Zamperoni dann auch. Er darf immerhin an den TV-Nachrichten der Zukunft mitarbeiten – und hat dafür noch alle Zeit der Welt.