Die Zukunft hat mal wieder einen Soundtrack. Wie üblich wurde er nicht einfach über Nacht verfügt, sondern hat sich mit allerlei kleinen, oft kaum merklichen Verschiebungen, Ideen und Motiven in den Clubszenen angekündigt.

Ein paar deutlichere Markierungen gab es natürlich auch, die abstrakten Beats zum Beispiel, die der venezolanische Produzent Arca in die Alben von gestandenen Futuristinnen wie Björk und Nachwuchskünstlerinnen wie FKA Twigs zog. Als wegweisend für diesen schnell mal Future R&B etikettierten Sound erwiesen sich dabei im letzten Halbjahrzehnt die Tracks von Kelela.

Sorgfalt und Gelassenheit

Man muss sich angesichts ihres Vorabruhms erstmal kurz selbst daran erinnern, dass uns mit „Take Me Apart“ nun formal ihr Debütalbum vorliegt. Das heißt natürlich nicht viel: Wer anderthalb Songs halbwegs geschickt vermarktet, steht heute schon mit einem Bein im Startum. In diesem Fall weist es allerdings recht altmodisch auf Sorgfalt und Gelassenheit hin.

Wobei eigentlich schon ihr Mixtape „Cut 4 Me“ von vor vier Jahren als Album durchgeht und schon damals Anlass für aufgeschlossene R&B-Fans gab, sie als hellsten neuen Stern am Neosoul- Himmel zu feiern: Sie hatte sich bei diesen Tracks Fremdproduktionen für ihre Gesangszwecke zurechtgeschnitten und einen entsprechenden Blick nach vorne skizziert. „Cut 4 Me“ klang dabei ein bisschen wie das amerikanische Gegenstück zum europäischen Sound von FKA Twigs, die zur gleichen Zeit und ebenso aufregend ihr von Arca produziertes hochabstraktes Modell vorstellte.

Mit der Politur von Adele

Kelela klang rhythmisch dichter, aber ebenso entschlossen an der Raumweite und ihrer synthetischen Erschließung interessiert. Die EP „Hallucinogen“, zwei Jahre danach erschienen, vollzog gleichsam den Schulterschluss mit den eher europäischen, freiflottierenden Beats. Für das Traditionselektrolabel Warp lud sie sich neben Vertrauten wie Kingdom (Fade to Mind) und Jam City (Night Slugs) auch Arca in ihre Musik – genau die die Mischung, die nun auch „Take Me Apart“ so souverän macht.

Unter ihrer Oberaufsicht (und mit ein bisschen Mainstream-Politur von Adele) gelingt hier das vielleicht stimmigste Manifest des modernen R&B und auch des State of the Art im Pop – es gibt derzeit praktisch keine Popäußerung, die nicht die Freiheiten und Abstraktionen der Klubmusik aufgriffen. Für Kelela wiederum ist dies ein Grund, die Schwärze des Grooves zu betonen: „Hold on, baby, you’re fucking with my groove“ singt sie doppeldeutig im Opener „Frontline“.

Kritik am Jugendwahn

Einen vergleichbaren Linie folgten im letzten Jahr auch die Knowles-Schwestern Beyoncé und Solange mit ihren meisterlichen Alben. Mit „Take Me Apart“ hat man daher nun ein machtvolles Trio, dessen Pop-Modernismus auch als Kritik des Jugendwahns daherkommt: Debütantin Kelela liegt mit 34 Jahren zwischen Beyoncé und Solange, auf deren „A Seat at the Table“ sie übrigens auch mitgewirkt hat.

Wie Solange geht es auch Kelela um Bewusstsein, was hier ein schwarzes, weibliches und queeres Bewusstsein meint. „Wie haben es die Weißen geschafft, sich die Welt zu unterwerfen?“, diese Frage habe sie aufgefressen, sagte sie jüngst in einem Interview mit dem New Yorker Magazin The Fader. Und präzisierte zum Beispiel in der Spex: „Es nervt, eine Frau zu sein, es nervt aber auch schwarz zu sein, so wie es nervt, queer zu sein.“

Zwischen Soul und Abstraktion

Aus dieser Genervtheit heraus, studierte Kelela Mizanekristos, die 1983 als Tochter äthiopischer Einwanderer in Washington geboren wurde, zunächst Internationale Beziehungen mit Afrikaschwerpunkt. Sie bricht schließlich ab, und entschließt sich – nachdem sie in Hardcorebands gesungen, Jazz und in Clubs zu Deep House improvisiert, für die experimentellere Klubmusik. In L.A. findet sie die Künstler von Fade to Mind, über die sie zur eigenen Stimme zwischen Soul und Abstraktion findet.

In Kelelas Songs spürt man die Körperlichkeit des Dancefloors, aber sie leben zugleich von der Leichtigkeit, mit der sie ihre oft stark gelayerte Stimme durch die Texturen, durch die die weitläufigen, musikalischen Schichten fließen lässt. Die Texte bewegen sich thematisch zunächst im gewohnten R&B-Kontext.

Komplex und eingängig

Aber Kelela erzählt ihre Geschichten von Beziehungen und Sex vor dem Hintergrund von stets selbstbewussten Bedürfnissen und Begehren – die Zärtlichkeit und Verletzlichkeit, mit denen sie ihre Gegenüber einlädt oder verabschiedet, die gönnt sie sich zunächst einmal selbst. Weich laufen Synthieschwälle über, während dunkle, schwere Bässe mulmen, rasselnde Percussion liegt in sachten Harmonien, Vordergrund und Backing fließen ineinander. Sie synthetisiert ihre Musik stärker als ihre Nachbarinnen aus dem Mainstream; aber zugleich lässt sie ihrer Musik auch viel Raum organisch zu wachsen – so komplex die Stücke funktionieren, so selbstverständlich melodisch und eingängig kommen sie an.

Kelelas Musik spricht von einer Selbstbehauptung, die nicht darauf zielt sich abzugrenzen. Sie ist stark genug, um in den verschiedensten Umgebungen zu bestehen und sie öffnet sich großzügig ihren Leidenschaften. Erstaunlich, wie vergangen die Gegenwart mit ihren langweiligen und lauten Dummheiten und Verhärtungen vor dieser geschmeidigen und flüssigen Musik klingt. Und wie elegant plötzlich die Zukunft ausschaut.