Tal Hever-Chybowski (30) ist der Direktor des Hauses der Jiddischen Kultur – Medem-Bibliothek in Paris. Er organisiert die erste Sommeruniversität für Jiddisch in Berlin, am Osteuropa-Institut der Freien Universität. Als Treffpunkt schlägt er ein Café in Neukölln vor. Er kennt die Gegend. Auch wenn er in Paris arbeitet, kommt er immer wieder nach Berlin zurück.

Herr Hever-Chybowski, wie würden Sie mich auf Jiddisch begrüßen?

Sholem Aleichem!

Ist das nicht Hebräisch?

Das ist Jiddisch. Jiddisch ist zu 70 Prozent eine germanische Sprache, aber mit einer großen hebräischen Komponente.

Dann haben es Menschen mit Deutschkenntnissen leichter, Jiddisch zu lernen?

Das stimmt. Das habe ich sofort bemerkt, als ich die Sprache in Berlin vor vier Jahren unterrichtet habe.

Wo haben Sie das gemacht?

Hier in Neukölln, im Café Katulki, in der Buchhandlung Buchbund. Und dann begann sich hier etwas zu bewegen.

Und jetzt haben Sie die erste Sommeruniversität für Jiddisch in Berlin organisiert. Gibt es eine Renaissance des Jiddischen?

Ich spreche lieber von Erneuerung. In Europa und in der Welt gab es vor dem Zweiten Weltkrieg zwölf, 13 Millionen Menschen, die Jiddisch gesprochen haben. Heute gibt es noch eine, zwei oder drei Millionen, so unterschiedlich sind die Schätzungen. Jiddisch wird vor allem in orthodoxen Kreisen gesprochen. Dank des orthodoxen Judentums in Israel, den USA, aber auch in Antwerpen und London ist die Zahl der Sprecher in den vergangenen Jahren gewachsen.

Das letzte Mal habe ich Jiddisch bei dem Festival „Shtetl Neukölln“ gehört, einem Musikfestival organisiert von der jüdischen Diaspora hiert, Leute aus den USA, Osteuropa, Deutschland. Die lernen Jiddisch aus kulturellem, nicht aus religiösem Interesse heraus. Es ist cool. Hat Jiddisch einen Hipster-Faktor?

Auf jeden Fall und nicht nur in Deutschland, wo Berlin und Weimar heute die wichtigsten Städte für jiddische Kultur sind. In Weimar gibt es jeden Sommer ein großartiges Kultur-Festival, und in Berlin gibt es seit den 80er-Jahren eine sehr bunte Klezmerszene. Viele Künstler hier haben sich Jiddisch selbst beigebracht oder es gelernt. Was es in Paris und Warschau gibt, aber noch nicht in Berlin, ist eine intellektuelle, literarisch interessierte Szene. Es gibt eine riesige jiddische Hochkultur, eine fantastische moderne Literatur, die bisher nicht genug in Berlin gelehrt wird.

Im Haus der jiddischen Kultur in Paris kann man dieser Hochkultur begegnen. Seit wann gibt es das?

Der volle Name ist Haus der Jiddischen Kultur – Medem-Bibliothek. Das war eine bundistische Bibliothek, gegründet 1929. Der Arbeiterbund war eine sozialistische Partei, die neben dem Zionismus die wichtigste jüdische politische Strömung im 20. Jahrhundert war. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie fast verschwunden. Die Bibliothek aber gab es weiter. Seit den 80er-Jahren versteht sie sich auch als kulturelles Zentrum. Das ist der Verdienst von Yitskhok Niborski. Er kam 1978 aus Buenos Aires nach Paris, um sich um den Katalog der Bibliothek zu kümmern. Indem er angefangen hat, Jiddisch zu lehren, hat er die Sprache einer neuen Generation nahegebracht. Und jetzt ist unser Haus das größte jiddische Kulturzentrum in Europa. Zu unseren Sprachkursen kommen Menschen aus der ganzen Welt, wir haben einen Verlag, einen Chor, einen Klezmer Workshop, eine Theatergruppe, die auf Jiddisch spielt und sogar eine ‚Kindershul‘.

Und was gibt es in Deutschland?

Außer Berlin und Weimar gibt es auch ein wichtiges Zentrum in Hamburg. Im akademischen Bereich gibt es Jiddistik an den Universitäten in Düsseldorf und Trier. Und es gibt viele Enthusiasten, die sich für die jiddische Sprache und Kultur engagieren.

Hat Jiddisch sich weiterentwickelt, kann man zum Beispiel in dieser Sprache „downloaden“ sagen?

Aroplodn.

Und Handy?

Das ist ein gutes Beispiel, da sieht man eine parallele Entwicklung. Es gibt die säkularen Kreise, die Jiddisch nicht im Alltag benutzen, sondern aus kulturellen Gründen. Die sagen Keshefon. Keshene heißt Hosentasche. Es gibt Kreise, die Tselke sagen, „ke“ ist ein slawisches Diminutiv. In Brooklyn habe ich neulich „Sel“ gehört, das ist das englische „cell“, aber man schreibt es mit hebräischen Buchstaben.

Wie haben Sie Jiddisch gelernt?

Hier in Berlin habe ich 2008 angefangen, aber vor allem in Paris. Ich bin in den USA geboren, in Jerusalem aufgewachsen, meine Muttersprache ist Hebräisch. Ich habe schnell gemerkt, dass ich mit meinem hebräischen Hintergrund und dem Deutsch Jiddisch leicht lernen kann, auch wenn ich mit der Zeit festgestellt habe, dass es viel komplizierter ist. Es gibt viele falsche Freunde. Im Jiddischen „shmekt“ man zum Beispiel nicht mit dem Mund, sondern mit der Nase.

Warum sind Sie damals nach Berlin gekommen?

Ich habe einen Deutschkurs gemacht und mich in die Stadt verliebt.

Aber jetzt sind Sie in Paris.

Nicht ganz. Wir wohnen hier und in Paris. Und jetzt schaffen wir eine Brücke zwischen den Städten. Die Sommeruniversität ist der Anfang.

Die israelische Community in Berlin hat mit Jiddisch nichts am Hut, oder?

Die Israelis in Berlin würden sich einen großen Gefallen tun, wenn sie ein bisschen Jiddisch lernen würden. Ich habe es bei mir selbst gesehen. Die israelische Kultur und die hebräische Sprache wurden vom Jiddischen geprägt. Meine Reise ins Jiddische war eine Reise in die eigene Identität. Und ich spreche nicht nur von der aschkenasischen Identität als Jude, dessen Großeltern aus Polen kamen. Ich spreche als Israeli, der durch das Erlernen des Jiddischen viel über die eigene Sprache erfahren hat, der gemerkt hat, ah, das kommt gar nicht aus dem Nahen Osten, das kommt aus Osteuropa. Manche Israelis schauen mit einer Mischung aus Belustigung und Verachtung auf Jiddisch, sie halten es für zurückgeblieben. Mit Hilfe dieser Distanz will man sich von etwas entfernen, das eigentlich zu einem gehört. Es ist eine Art Verdrängung.

Was will man denn verdrängen?

Ich heiße Hever-Chybowski. Meine Familie hat genau wie viele andere ihren osteuropäischen Namen hebräisiert, in Hever. Die Auswanderung nach Palästina und später nach Israel war mit einer kompletten Ablehnung der Kultur der Diaspora verbunden, auch bei den sephardischen Juden. Aber das funktioniert nicht. Man kann nicht ablehnen, was zu einem gehört. Es wird immer zurückkommen. Bei vielen Israelis, die heute nach Europa ziehen, schwingt die Idee mit: Wir sind hier, es hat also nicht geklappt mit dem Holocaust, auch wenn man das nicht so sagt. Die Israelis in Berlin finden Dinge, die sie nicht gesucht haben, auch wenn sie nur kommen, um Party zu machen oder weil es billiger ist als in Tel Aviv. Aber ich glaube es gibt eine Suche nach etwas, das man verloren hat, das aber eine Wunde hinterlassen hat. Die Geste nach Berlin zu ziehen, ähnelt der Geste Jiddisch zu lernen.