Wer seinen Bestseller „Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“ nicht gelesen hat, wer vor seinem fast 700 Seiten umfassenden Buch „Anti-Fragilität – Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen“ zurückschreckte, für den gibt es das „Kleine Handbuch für den Umgang mit Unwissen“, eine Aphorismensammlung. Da Taleb die zugespitzte Formulierung liebt, außerdem eine Reihe von Grundgedanken in immer neuen Anwendungen durchprobiert, liefert er nicht einfach eine Fülle (grob geschätzt deutlich mehr als dreihundert) Gedanken zu unterschiedlichsten Themen, sondern höchst amüsante Kopfgymnastik, mental exercises, wenn man so will. Man nehme die Abfolge der ersten drei Aphorismen: „Der Mensch, dem zu widersprechen man die größte Furcht hat, ist man selbst.“ „Eine Idee beginnt dann interessant zu werden, wenn man Angst hat, sie konsequent zu Ende zu denken.“ „Pharmazieunternehmen verstehen sich besser darauf, Krankheiten zu erfinden, die zu existierenden Medikamenten passen, als Medikamente zu erfinden, die zu existierenden Krankheiten passen.“ Nummer drei für sich klänge nach witziger Übertreibung. Wir würden lachen, sagen „recht hat er“, noch kurz etwas über die besonders infame Geldgier dieses Industriezweigs assoziieren und weiter blättern. Liest man die Aphorismen aber nach einander, versteht man, dass es ein Wunder wäre, die Pharmakonzerne würden anders handeln. Eben nicht nur wegen des Profitinteresses, sondern weil es jedem von uns schwer fällt, Neues zu entdecken. Denn wir können das nur, wenn wir die gewohnten Sicht- und Denkweisen verlassen. Wir müssen uns gegen sie wenden. Das fällt jedem Einzelnen schwer. Institutionen fällt es noch schwerer, ja ist es fast unmöglich. So Talebs Blick auf die Welt. Er geht dabei so weit: „Die vier einflussreichsten Denker der Moderne – Darwin, Marx, Freud und (der kreative) Einstein – waren Gelehrte, aber keine Akademiker.“ Die Universität hat also nichts beigetragen zur Moderne? Nein, aber „es war schon immer schwer, innerhalb von Institutionen Originelles und Unvergängliches zu schaffen.“ Das ist ganz sicher richtig. Aber richtig ist auch, dass es außerhalb der Institutionen ebenfalls schwer ist. Die Wahrheit ist wohl, dass Institutionen dazu da sind, Gewohnheiten zu hegen. Sie sind konservativ. Aber Taleb warnt uns davor, in die Falle der einfachen Schlußfolgerung zu gehen: „Beim Mittagessen in einem französischen Restaurant aßen meine Freunde den Lachs und ließen die Haut liegen; beim Abendessen in einer Sushibar aßen dieselben Freunde die Haut und ließen den Lachs liegen.“ Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Wir verhalten uns kontextabhängig. Das ist kein Vorwurf gegen Anpasserei, sondern ein Hinweis darauf, dass in unterschiedlichen Bereichen gegensätzliche Wahrheiten gelten. Man muss den Kontext mit bedenken. Das heißt aber auch, dass Institutionen auch Gegeninstitutionen sein können. Nicht nur, weil sie sich gegen etwas richten, sondern weil sie eine Gewohnheit fördern und pflegen, die für nicht in dieser Institution sich bewegende Menschen, völlig unverständlich ist. Man muss sich nur anschauen, wie wirklich gläubige Menschen auf Atheisten reagieren und diese auf jene. Es ist nicht zu begreifen, wie man an Gott glauben und es ist nicht zu begreifen, wie man nicht an ihn glauben kann. Nassim Nicholas Taleb, 1960 im Libanon als Sohn einer griechisch-orthodoxen Familie geboren, die zwei Jahrhunderte lang – bis 1975 - großen Einfluss auf die Politik des Landes hatte, ist gelernter Finanzmathematiker und verdiente sein Geld als Derivatehändler. Im 2007 erschienenen „Schwarzen Schwan“ warnte er vor einem Crash. Er hatte schon früher in Fachzeitschriften sich über die Berechnungen seiner Kollegen, der Finanzjongleure, lustig gemacht. Nach Wikipedia soll er seine Fonds mit Gewinn durch die Krise geschleust haben. Natürlich kann man eine Aphorismen-Sammlung, auch wenn sie so konzentriert um das Thema Wissen – Unwissen kreist, nicht einfach Seite für Seite lesen. Zu oft hält man an, kommt ins Grübeln. So reizvoll es ist, mit Taleb zu denken, so sehr animiert er einen auch - und darin liegt sein eigentlicher Reiz – gegen ihn zu denken. „Einer der Gründe für das Versagen ‚wissenschaftlicher Näherungswerte’ im nichtlinearen Bereich ergibt sich aus der ungemütlichen Tatsache, dass der Durchschnitt der Erwartungen sich von der Erwartung von Durchschnitten unterscheidet.“ Wem das zu aphoristisch ist, für den gibt es eine Fußnote: „Überqueren Sie keinen Fluss, wenn Sie von der Begründung ausgehen, er sei im Schnitt einen Meter zwanzig tief.“
Zum Schluss noch zwei Sätze von Taleb: „In armen Ländern nehmen Beamte ganz unverhohlen Bestechungsgelder entgegen; in Washington D.C., bekommen sie das abgefeimt unausgesprochen bleibende Versprechen, für große Konzerne arbeiten zu dürfen.“ Viel Spaß mit Taleb!


Nassim Nicholas Taleb: Kleines Handbuch für den Umgang mit Unwissen, aus dem Englischen von Susanne Held, Albrecht Knaus Verlag, München 2013, 126 Seiten, 12,99 Euro.