Berlin - Wenn die abendlichen Polit-Talks in ARD und ZDF von ihrer herkömmlichen Formel abweichen, birgt das meist eine Chance. Als Günter Jauch zum Beispiel im Januar zum 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung mit Überlebenden sprach, war das eine wohltuende Ausnahme davon, erwartbare Gäste erwartbare Statements austauschen zu lassen und die Runde ansonsten zwecks Krawallmache zusammenzustellen. Auf eine solche Ausnahme vom Üblichen konnte man erneut hoffen, als Jauch an diesem Sonntag über den Prozess gegen den 93 Jahre alten Oskar Gröning reden wollte. Dass diese Hoffnung enttäuscht wurde, war dieses Mal nicht nur Jauchs Schuld.

Immerhin gehörte zum Unerwartbaren dieser Sendung ja das Thema selbst. Wenn im meistgesehenen Polit-Talk die Frage gestellt wird, „Was bringt der Auschwitz-Prozess von Lüneburg?“, stellt man sich schon fast auf eine ethische, kulturhistorische, ja rechtsphilosophische Debatte ein. Denn anders als bei den meisten Fragestellungen, geht man zu Recht davon aus, dass dieses Mal der sogenannte Stammtisch keinen Vertreter auf dem Podium bekommt. Wen dessen Meinung dennoch interessiert, der findet sie etwa bei Twitter in Echtzeit unter dem Hashtag #Jauch – und mit Stichworten wie „Nazikeule“ oder „Schuldkomplex“. Und zwar gar nicht so selten wie man hofft.

Keine Stammtischfrage muss dagegen sein – wenn auch von Jauch reichlich boulevardesk gefragt –, was heutzutage noch ein Prozess bringen soll gegen – O-Ton Jauch – „einen 93-jährigen SS-Greis“, der offenbar keinen Menschen von eigener Hand umgebracht hat, sondern als „Buchhalter von Auschwitz“ gilt?

„Kein Recht auf einen ruhigen Lebensabend“

Allerdings ist diese Frage, wenn man darüber nachdenkt, dann doch sehr schnell beantwortet. In Jauchs Talk etwa von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD): „Mord verjährt nicht. Wer an solchen Verbrechen beteiligt war, hat kein Recht auf einen ruhigen Lebensabend“, sagt er. Und dass Gerechtigkeit keine Wiedergutmachung bedeuten könne, es für Gerechtigkeit aber nie zu spät sei und Unrecht zumindest als solches benannt werden sollte, wenn auch zu spät und selbst wenn der Täter am Ende haftunfähig sein sollte.

Auch die Auschwitz-Überlebende Eva Mozes Kor, die heute 81 und Nebenklägerin im Gröning-Prozess ist und als Zehnjährige mit ihrer Familie ins KZ deportiert wurde, beantwortet die Sinnfrage schnell. „Ich bin nicht daran interessiert, dass ein alter Mann ins Gefängnis gesteckt wird“, betont sie. Der Prozess sei aber wichtig als Fanal, als Warnung für jüngere Generationen.

Die Gröning-Anwältin schweigt weitgehend

So oft diese beiden Aussagen für den Rest der Sendung variiert werden, die Ausgangsfrage wird nicht besser beantwortet werden als nach zehn Minuten. Doch statt deshalb mehr Erkenntnisse über den Angeklagten zu vermitteln, der ja eine durchaus schillernde Täterfigur zu sein scheint, dreht sich die Runde fortan im Kreis. Obwohl Susanne Frangenberg, die Anwältin von Gröning, zu Gast ist. Sie wird in der einen Stunde etwa drei Mal angesprochen, antwortet dann sehr knapp und mischt sich ansonsten nicht ein. So erfährt man von ihr nur, dass Gröning bereits 1978 über seine Zeit in Auschwitz redete und seine Meinung sich seit dem Ende der Hitler-Diktatur gewandelt habe.

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