Als ihr Verbindungsmann bei der EMI zum ersten Mal Talk Talks neuem Album „Spirit of Eden“ lauschte, soll er geweint haben. Das ging später noch vielen so. Wie sich die Töne hier aus dem schwärzesten Schwarz schälen, bis sie nahezu greifbar im Raum schweben. Wie die Songs hier beinahe stillzustehen scheinen, als warteten sie geduldig darauf, dass man in sie herein schlüpft, um die Musik, so wie ihr Schöpfer Mark Hollis, gleichsam von innen heraus zu erleben.

Es gibt nur wenige Alben, die ihre Hörer derart emotional schütteln und rühren können, ohne dass man auch nur ein Wort der Lyrics versteht. Aber das alles waren nicht die Gründe für den Gefühlsausbruch des EMI-Mannes. Der hörte nicht den Aufbruch zu ganz neuen Ufern, sondern den Abschied einer der bestverkaufenden Bands der Plattenfirma aus dem Verwertungszyklus.

Ex-Punk Hollis hasste Etikettierung als New Romantic

Bis dahin hatte Mark Hollis sechs Jahre lang in schöner Regelmäßigkeit Hit an Hit geliefert, sehnsüchtig-trotzige Synthiepophymnen wie „Such a Shame“ und „It‘s My Life“, die eine Zeit lang aus jedem zweiten Kinderzimmer dröhnten, diesen Widerstandsnestern im Familienheim. Talk Talk galten als Spätausläufer der New Romantics, eine Zuschreibung, die der Ex-Punk Hollis hasste.

Die Verzweiflung, die seine Stimme mit solcher Emphase transportieren konnte, war keine Attitüde. Eigentlich hasste der Mann aus dem Londoner Ortsteil Tottenham alles am Musikbusiness, schimpfte sich selbst und jeden anderen britischen Popstar, der das nicht hören wollte, als Abschaum. 1986, mit gerade mal 31 Jahren, beschloss er, nie wieder auf Tour zu gehen. Die gewonnene Zeit füllte er mit endlosen Studioexperimenten, mit seiner Obsession für die eine, richtige Note zur richtigen Zeit. Wenn man die nicht gemeistert hätte, argumentierte Hollis, warum sollte man dann noch ein zweite spielen?

Plattenfirma verklagte Talk Talk nach „Spirit of Eden“

Der EMI fehlte für solche künstlerischen Ambitionen jegliches Verständnis, die Tage, in denen man den Beatles Carte blanche gegeben hatte, waren lange vorbei. „Spirit of Eden“ führte nur zu Klagen und Gegenklagen. Talk Talk wechselten zu Polydor, nahmen dort mit „Laughing Stock“ noch eine, nicht weniger brillante und unkommerzielle Platte auf, und lösten sich dann auf. Hollis verschwand im Privatleben, erklärte, er wolle sich fortan um seine Familie kümmern, ein guter Vater sein.

Ende der 1990er meldete er sich doch noch einmal zurück, mit seinem ersten und letzten, selbstbetitelten Soloalbum, auf dem er noch mehr Kraft aus der absoluten Stille zu schöpfen schien. Dann verschwand er völlig.

Die Wertschätzung seines Werks aber stieg mit jedem Jahr seines Schweigens. „Spirit of Eden“ gilt heute als der Anfang von etwas völlig Neuem und als eines der besten Alben aller Zeiten. Legt man es allein nach zwei Uhr nachts auf, wird es zum Besten.

Nun ist Mark Hollis, wie aus seinem Bekanntenkreis vermeldet wurde, im Alter von 64 Jahren gestorben. Sein beredtes Schweigen bleibt.