Ich liebe Talkshows. Kaum sind sie in der Sommerfrische, fehlen sie mir. Ich nehme dann mein Buch und gehe raus zu den Mücken, was auch Nachteile hat. Keiner teilt meine Vorlieben, meine Freundin verdreht ungeniert die Augen. Mein Mann mault über die Themen. Meine Kollegen fragen nachsichtig: Warum tust du das? Der Chef hat das Fernsehen vollkommen eingestellt und behauptet eigensinnig, ihm fehle nichts. Mir schon. Mir gefallen Talkshows, am besten die mit Politikern.

Da nämlich lerne ich die Herrschaften kennen, die ich wählen soll. Wie sie sich benehmen, wenn immer einer dazwischenquatscht. Wie sie sich gegen Zudringlichkeit wehren, sich gegen erwiesene Fehler verteidigen. Ich glaube, Scharfsinn und Denkgeschwindigkeit von antrainierten Coaching-Floskeln unterscheiden zu können und etwas über die Redlichkeit des Politikers zu erfahren. Nicht, dass das hilfreich wäre bei der Wahlentscheidung, ach. In meinem Kabinett säßen Lammert, Trittin, Steinbrück, Gysi, womöglich Kubicki, da bin ich unorthodox, keinesfalls Roth und Pofalla. Eine aussichtslose Liste.

Halten wir fest, Talkshows bilden, ich finde sie auch effizient. Sie zwingen nicht, die ganze Zeit hinzuschauen, ich kann dabei Mails löschen, Rechnungen bezahlen und Schuhe kaufen. Das klappt bei Krimis nicht, da geraten schnell die Toten durcheinander. Krimis habe ich mir abgewöhnt, aber Maybritt Illner verpasse ich ungern. Wie sie Chaos dirigiert und strahlend dazwischengeht, wenn Hans-Peter Friedrich Plattitüden malmt und Fragen ignoriert, das ist großes Kino.

Der Bildungs- und Effizienzcharakter wäre also nachgewiesen, bleibt der Amüsierfaktor. Er kommt unerwartet. Lammert bei Lanz war eine Sternstunde der Fernsehunterhaltung. Das hätten Sie jetzt nicht gedacht, oder? Zwei schmale, hochkonzentrierte, rhetorisch gut gerüstete Anzugträger sitzen sich gegen Mitternacht 75 Minuten lang gegenüber, der als Fleißbub geprügelte Markus Lanz und der als trocken verschriene Talkshowfeind Norbert Lammert, und lassen sich ausreden, bieten einen informativen, sturzkomischen Austausch.

Ein Jahr ist das her und noch erinnerlich. Leider sind die Dialoge zu lang für eine Niederschrift, aber es ging um Politik („Ich soll ein Störfaktor sein? Natürlich stören Parlamente. Sonst sind sie überflüssig.“) und Privates. Lammert: „Meine Familie ist mir wichtig – auch deshalb, weil zumindest sie bestimmte Politiker sympathisch findet.“ Nach diesem Auftritt hält man Plagiatsvorwürfe gegen Lammert glatt für Rufmord. Endlich geht die Sommerpause zu Ende. Bei Maischberger stritten Hochstapler und Betrüger um ihr Renommee. Man lernt wirklich Leute kennen.