„Deine Haare waren wild, Dein Outfit schrill, und obwohl Du wenig gelacht hast und recht kühl wirktest, faszinierte mich Deine revolutionäre, unverbogene und starke Erscheinung.“ Anna Loos, seit zehn Jahren Sängerin der Band Silly, erinnert sich im Internet liebevoll an ihre legendäre Vorgängerin. „An Tamara Danz im Paradies“ steht über dem Text, den Loos schrieb. Danz, die bedeutendste Rocksängerin der DDR, starb 1996 mit 43 Jahren an Krebs. Sie hinterließ eine große Lücke. Am 14. Dezember wäre sie 65 Jahre alt geworden - und sicher nicht in die Rockerinnen-Rente gegangen.

„Sie war intelligent, selbstbewusst, verletzlich, aber auch derb, war laut und konnte auch sehr leise sein“, schreibt der letzte Chef des DDR-Plattenlabels Amiga, Jörg Stempel, auf der Internetseite tamara-tanz.de, die an die Sängerin erinnert.
Die gebürtige Thüringerin sang schon als Schülerin in einer Band und studierte in Berlin Gesang. Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag 1968 wurde sie nach eigenen Angaben „absoluter Staatsfeind“, schmiss das Studium und stürzte sich in den Rock'n Roll.

Kritische Seitenhiebe auf den DDR-Alltag

1978 gründete Tamara Danz in Berlin Prenzlauer Berg die Band Familie Silly mit. Das Debüt-Album erschien über Umwege auch im Westen. Mit dem noch immer beliebten Party-Rausschmeißer „Der letzte Kunde“ schafften es die (Ost)-Berliner 1982 in die Jahreshitparade der DDR. Nach einem ersten Preis auf einem Schlagerfestival änderte das Sextett seinen Stil: von Funk, Reggae und Schlager zu Rock und New Wave. Die DDR-Rocker nannten sich in Silly um.

„Mont Klamott“ (1983), „Liebeswalzer“ (1985) und „Bataillon d'Amour“ (1986) - alle Alben wurden LP des Jahres, Tamara Danz mehrfach Sängerin des Jahres. Mit den poetischen Songs mit kritischen Seitenhieben auf den DDR-Alltag traf Silly den Nerv der DDR-Bürger. Knapp eine Million Platten brachte die Band um die selbstbewusste Frontfrau zu DDR-Zeiten unter das Volk.

Im September 1989 initiierte Tamara Danz eine „Resolution der Liedermacher und Rockmusiker“ mit, um Bürgerbewegungen zu unterstützen. Die „Wir sind das Volk“-Zeit war für sie ein „unvergleichlicher Rauschzustand“, sagte sie damals. Doch die Enttäuschung kam rasch. „Ich hätte mir schon gewünscht, dass man uns etwas Zeit lässt, unsere Angelegenheiten zu bereinigen, statt bereinigt zu werden. Am Ende muss man sich ja noch entschuldigen, hier überhaupt Luft geholt zu haben“, sagte die Sängerin 1993.

Diagnose Brustkrebs

Die erste Nachwendescheibe wurde wegen zu „ostlastiger Texte“ abgelehnt. In einem Interview mit Alexander Osang für die „Berliner Zeitung“ sagte Danz kurz vor ihrem Tod: „Früher gab es ideologische Gründe, die einem vorgebetet worden sind, und jetzt reden wir nur noch über Geld. Die Argumente, warum eine Platte so nicht geht, sind genauso taub wie früher auch. Nur dass man heute ganz schwer dagegen ankann.“

„Paradies“ hieß das letzte Silly-Album mit ihr. Während der Aufnahmen erhielt sie die Diagnose Brustkrebs. Sie schrieb erstmals alle Texte, darunter auch Zeilen wie: „Das einzige, was mir noch droht, ist noch so ein Leben nach dem Tod.“ Die Songs der vom Krebs gezeichneten Sängerin sind von tiefer Traurigkeit geprägt.

„Lass nicht auch noch Silly sterben“, habe ihm Tamara damals gesagt, schildert Bassist Jäcki Reznicek im Film „Silly - Frei von Angst“, der jüngst Kinostart hatte. Gitarrist Uwe Hassbecker, den Danz nach Ausbruch der schweren Krankheit heiratete, berichtet: „Während ich Ideen gesucht habe, die Band am Leben zu erhalten, wurde Tamara immer mehr zum Mythos.“

Rund ein Jahrzehnt verdienten die Musiker nach dem Tod ihrer charismatischen Sängerin ihr Geld etwa als Produzent, Musikhochschuldozent und Begleitband von Joachim Witt. Dann erklomm Anna Loos die Silly-Bühne - als die neue Stimme.

„Ich stell mir vor, du rockst da ob'n im Himmel“

Wenn die Musiker im Studio sind, sind sie ihrer einstigen Frontfrau immer noch ganz nah. Das Grab von Tamara Danz liegt auf dem Friedhof mitten im Dorf Münchehofe nahe Berlin - unweit des Elternhauses der Sängerin. Das Haus ist Rückzugs- und Arbeitsort der Band.

Die Band City hat der Rocklady posthum einen Song gewidmet: „Ich stell mir vor, du rockst da ob'n im Himmel. Mit Rio Reiser und mit Gundermann, jetzt halt ich aber lieber meine Schnauze, sonst fang ich auch noch mit dem Heulen an“, singt Toni Krahl in „Tamara“. Es gibt auch zwei Tamara-Danz-Straßen: in Berlin-Friedrichshain und in ihrem Geburtsort Breitungen. (Sophia-Caroline Kosel, dpa)