Tangerine Dream: „Musik soll Leute verleiten, vom Alltag wegzudriften“

Das Krake Festival will sich nicht auf ein Genre begrenzen, so wenig wie seine Headliner. Wir haben mit zweien gesprochen: Tangerine Dream und Rosa Anschütz

Derzeitige Mitglieder von Tangerine Dream (v. l.): Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane, Paul Frick.
Derzeitige Mitglieder von Tangerine Dream (v. l.): Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane, Paul Frick.PRESS KIT KRAKE FESTIVAL

Fans elektronischer Musik, aufgepasst: An diesem Freitag startet in Berlin das Krake Festival, und das mit einem größeren und vielfältigeren Line-up als je zuvor. Der Name ist Programm: Wie ein Oktopus mit Tentakeln soll sich das Festival an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden (12.08.–21.08.) für fünf Tage auf mehrere Berliner Standorte verteilen. Organisiert und ins Leben gerufen wird die Veranstaltung seit 2010 vom Berliner Label und Veranstalter Killekill. Die Crew selbst beschreibt das Event als „Festival für experimentelle Dance Music“ – es soll Raum bieten für Genres, die über Grenzen gehen, sowie für ungewöhnliche Performances. Elektronische Musik wird dabei in ihren vielen verschiedenen Facetten dargeboten. Aber auch Hip-Hop, Post-Punk und Drum ’n’ Bass sind vertreten.

Tangerine Dream: Experimentierfreudiger Electro seit 1967

Den Auftakt macht am Freitag Tangerine Dream – eine Pionier-Band in Sachen elektronische Musik. Im Silent Green kann man das Livekonzert miterleben. Es ist das erste Mal, dass die Band auf dem Krake Festival spielt. Tangerine Dream ist eine Musikformation, die 1967 von Edgar Froese gegründet wurde und international großen Erfolg einfuhr. Froese und seine Band waren neben Kraftwerk aus Düsseldorf die Ersten in Deutschland, die mit elektronischer Musik experimentierten und so Massen abholten.

Heute besteht die Band nicht mehr aus den ursprünglichen Mitgliedern (Froese verstarb 2015), sie wurde aber, nach ausdrücklichem Wunsch des Gründers, fortgeführt und hat nicht weniger Erfolg als in den Anfangsjahren. In den 55 Jahren Bandgeschichte entstanden insgesamt über 100 Studioalben und über 60 Filmmusikstücke.

Thorsten Quaeschning, Komponist und am Piano-Synthesizer für Tangerine Dream, fühlt sich beim genreoffenen Krake Festival jedenfalls bestens aufgehoben. Er beschreibt, dass die Band sich ungern unter den Scheffel einer bestimmten Musikrichtung gestellt sieht. „Es ist schwierig, Genres abzubilden. Häufig steht bei uns Krautrock, das ist auf vielen Ebenen unangenehm. Aber man wehrt sich nicht, wenn es Leute, die zum Beispiel auch Neu! [Krautrock -Band, Anm. d. R.] mögen, dann auch zu unseren Konzerten bringt.“ Genrenamen könnten ein Aushängeschild sein, aber auch Schubladendenken verursachen, was zu der „kosmischen Musik“, wie die Band selbst sie beschreibt, nicht passe – diese solle alles miteinander verbinden.

Quaeschning erzählt, dass er selbst das Betiteln von Songs schwierig findet, da das Kopfkino der Hörer dadurch schon im Vorhinein begrenzt werde. Eben durch das, was der Songname dem Unterbewusstsein bereits suggeriere. Dabei ginge es bei ihrer Musik genau darum, dass Hörer sich auf Erfahrungen mit Klängen einließen. „Die Idee ist, eine Stimmung im Menschen zu triggern. Dass sie sich verleiten lassen, sich vom Alltäglichen wegzuwenden und in eine Richtung zu driften.“ Viele stünden bei ihren Konzerten auch mit geschlossenen Augen im Publikum.

Die Idee ist, eine Stimmung im Menschen zu triggern.

Thorsten Quaeschning von Tangerine Dream

Die Einzigartigkeit von Tangerine-Dream-Konzerten liegt letztlich auch darin, dass sie am Ende jeder Performance eine Livekomposition spielen. Das heißt, sie einigen sich auf ein Tempo und eine Grundtonart und beginnen, in Echtzeit zu komponieren. „Wir nennen das Session.“ Diese könne von 15 Minuten bis zu zwei Stunden andauern – „manchmal auch länger“, sagt Quaeschning mit einem Grinsen. Die Band hat offenbar Spaß an der Sache und dadurch weltweit Leute mit ihrer Musik angesteckt.

So erzeugt Tangerine Dream elektronisch wie auch analog Musik und lässt sich dabei von Naturgeräuschen und den verschiedensten Musikern inspirieren: Beatles, Bowie, Bach – das sind nur ein paar der Namen, die Quaeschning aufzählt. Auch zum Namen der Band gibt es verschiedene Inspirationsquellen. Zumindest will sie, dass es diesen Anschein hat. Ob Salvador Dalís Gemälde, „Lucy in the Sky with Diamonds“ oder die gleichnamige Grassorte den Ausschlag für den Bandnamen gegeben hat, will Quaeschning nicht verraten. Die Antwort liege irgendwo dazwischen. So bunt wie die Wurzeln von Tangerine Dream ist letztlich das gesamte Festival. Jeder Tag gibt einer anderen Subkultur der elektronischen Musik Raum.

Rosa Anschütz singt zu elektronischen Melodien

Tangerine Dream wird am Freitag auf dem Krake Festival auch von Rosa Anschütz begleitet. Die gebürtige Berlinerin feierte 2019 mit der EP „Rigid“ ihr Debüt, dieses Jahr veröffentlichte sie das Album „Goldener Strom“. Ihr Schaffen als Komponistin und Vokalistin bezeichnet sie als „transmedial“. Dazu erklärt sie: „Ich versuche, Visuelles und Audio zusammenzubringen, ich finde, das gehört irgendwie auch zusammen.“ Ihr Kunststudium habe sie mit einer Soundinstallation über Songwriting beendet. Im transmedialen Bereich befinde man sich im Dazwischen – dort, wo die Dinge sich begegnen.

Rosa Anschütz auf ihrem Albumcover „Goldener Strom“
Rosa Anschütz auf ihrem Albumcover „Goldener Strom“PRESS KIT KRAKE FESTIVAL

Das Konzept des Krake Festivals ist Anschütz „sehr sympathisch“: Immerhin setzt es auf fließende Übergänge anstatt auf starre Vorgaben. Zuordnen würde Anschütz sich letztlich zwar der elektronischen Musik. Tatsächlich aber weisen ihre Songs für heutige Genrestandards auch eher unübliche Elemente auf, etwa den Einsatz der Stimme. „Die Stimme ist eines der wichtigsten Instrumente für mich“, sagt Anschütz. „Sie hat die Kraft, wichtige Informationen zu vermitteln.“

Die Stimme ist eines der wichtigsten Instrumente für mich.

Rosa Anschütz

Auch bei Anschütz spielen analoge Musikinstrumente eine Rolle, was für moderne elektronische Musik ja eher ungewöhnlich ist. Genres hätten immer gewisse Codes und Ästhetiken, so Anschütz. Über ihre eigene Beziehung zu diesen Normen erklärt sie: „Ich will nicht sagen, sie sind mir egal, das klingt so unbewusst. Ich beobachte, was vor sich geht, und versuche, mich davon frei zu machen.“ Das Thema Freiheit spielt überhaupt eine wichtige Rolle für sie. So habe sie früher in orchestralen Settings gespielt. Rückblickend sagt sie: „Elektronische Musik hat für mich Emanzipation bedeutet.“

Seit zwei Jahren hat sie monatlich auch ein Radio-Set in Hongkong, das aus ihrer langjährigen Beziehung zu Japan hervorging. „Ich finde elektronische Releases aus China am progressivsten, auch wenn es dort politisch sehr restriktiv ist.“ Und die Musik vor der eigenen Haustür? Berlin sei prägend gewesen in der Weise, in der sie Musik konsumiert habe, als Raum, der ihr den Zugang zu elektronischer Musik geebnet habe. Gerade hat sie für ihr Studium fünf Jahre in Wien verbracht, stellt aber fest: „Berlin ist immer ein sehr inspirierender Ort für mich geblieben.“ Elektronische Musik ziehe sich durch Berlin. „Sie ist in ganz Berlin – und das spürt man.“

Nach einem aufregenden Freitag geht das Festival dann ähnlich spannend weiter. Zum Teil finden die Festivalauftritte tagsüber oder mal abends statt. Der vierte und fünfte Tag bilden zusammen ein 36-stündiges DJ-Set. Tangerine Dream und Rosa Anschütz, die beide vor internationalem Publikum spielen, freuen sich in jedem Fall auf ihr Heimspiel in Berlin.

Krake Festival, 12.08–21.08.2022. Tickets erhältlich unter www.krake-festival.de.