BerlinGeschichten, die man sich über manche Dichter erzählt, kommen ihren eigenen Werken gleich, und manche Dichter tragen selbst gern dazu bei: So auch der jüdische Dichter Itzik Manger, der 1901, oder war es 1900?, in Czernowitz geboren wurde.

Czernowitz war nicht nur die Geburtsstadt des berühmten Kollegen Paul Celan, sondern überhaupt ein fantastischer Ort in der Bukowina, in dem es vor dem Zweiten Weltkrieg angeblich mehr Buchläden als Bäckereien gab und die Hühner Hölderlin-Verse in den Sand kratzten. Eingeklemmt zwischen Moldawien und Podolien, mal russisch, mal polnisch, heute ukrainisch, sprach man in vielen Zungen, und darunter vor allem Jiddisch. Denn in Czernowitz blühte die jiddische Kultur, die heute, beinahe schon ausgestorben, bei jungen Menschen wieder auf lebhaftes Interesse stößt.

Itzik Manger nun brachte die besten Voraussetzungen mit. Sein Vater war schon eine Legende: Ein armer Schneider, der seine Kunden immer wieder zur Anprobe kommen ließ, hier a bissele änderte, dort a bissele verlängerte, und der, wenn er denn endlich zufrieden war mit seinem Werk, es nicht herausrücken wollte. Das setzte Standards beim kleinen Itzik, dessen Mutter wiederum zwar nicht lesen und schreiben konnte, dafür aber haufenweise jiddische Balladen und Volkslieder kannte.

Man war arm, aber reich an Gedanken. Itzik Manger begann zu dichten, vom Leben in dieser verrückten Stadt, von der Liebe und den Sternen, bis die Nazis kamen und mit den Rumänen 1940 die jüdische Bevölkerung ins Getto schleppten und in die Lager. Auch das packte Itzik in Worte, die fast zu schön den Schrecken beschrieben: „Ich bin der Weg ins Leere, / das blonde Sonnensinken“. Blond war der Meister aus Deutschland, er brachte den Tod. „Folg mir nicht nach, mein Bruder.“

Er selbst überlebte, irrte durch halb Europa. In England rettete ihn eine Buchhändlerin, und sein übergroßer Charme. Denn obwohl völlig verlottert, abgerissen und dem Alkohol verfallen, wie ein Bruder des großen Dylan Thomas, versetzte er, wenn er die Stimme erhob, alle in Staunen. „Die Schenke ist sein liebster Aufenthalt,/ Er küsst den Wein wie eine Braut“ schrieb Rose Ausländer über ihn, eine weitere Czernowitzer Dichterin, die er zärtlich „Roisele“ nannte.

Itzik Manger wurde erneut entdeckt, in London, New York und schließlich in Israel, wo er 1969 auch starb. Tausende Menschen lauschten ihm. In seinen jiddischen Balladen (er schrieb auch für Musicals) wiegten sich die traurigsten Geschichten, von seinen ermordeten Eltern, an die zu erinnern ihm blieb, vom ermordeten Bruder Notte, der beim Nähen Verlaine zitierte, oder vom Jungen, der ein Vogel sein wollte, um den einsamen Baum im Winter zu trösten.

Immer wieder liebten ihn die Damen, nur für die erste schrieb er Gedichte, Rachel Auerbach, obwohl er angeblich verheiratet war mit einer Golde Trauring (!). Und nie vergaß er seinen Vater, den Schneider, der seine Arbeit als Kunst begriff, und seine jiddische Mame (Mama). „O wehe denen, die der Traum angerührt, sie werden irren ein Leben lang, / als hätten die Sterne sie geführt, / und wissen nicht wohin.“ Denken wir a bissele an ihn, jetzt im November, in dieser verrückten Zeit.

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