Frauen stellen ihre Körper aus - weil sie das so wollen.
Foto: Eva Würdinger

BerlinAuch nach tiefem Durchatmen ist dieser Abend übergriffig, eine Zumutung, er tut weh. Florentina Holzingers „Tanz. Eine sylphidische Träumerei in Stunts“ ist im vergangenen Herbst in Wien entstanden, wurde eingeladen zum Theatertreffen und kam am Donnerstag schon vorab in den kooperierenden Sophiensälen zur Berliner Premiere. Die 1986 geborene Holzinger ist auch deshalb von Interesse, weil der designierte Volksbühnenintendant René Pollesch sie in sein Team holen will.

Der Berliner Zuschauer konnte wissen, was auf ihn zukommt: Er konnte von nackten Frauen lesen, die auf Spitzen tanzen, gegen Wände donnern, auf Besen, Staubsaugern und Motorrädern reiten, und auch von dieser Piercingnummer.

Eingeschweißt in Sprache und Blick

Die Interpretationen der Kritik sind einleuchtend, von feministischem Empowerment und Körperpolitik ist da die Rede, von den körperlichen und seelischen Zurichtungen durch Rollenklischees und Körperbilder. Der Spitzentanz, der Mädchen und Frauen mit Foltermethoden zu schwebenden Unschuldsfeen entkörperlicht und sie dem sublimierten Voyeurismus des Publikums ausliefert, ist eine schlagende Metapher für die Kulturleistung, mit der Frauen gebändigt und zu gefügigen Objekten gemacht wurden.

Ja, das ist bekannt. Der Sexismus sitzt tief im Unbewussten der Zivilisation, eingeschweißt in die Sprache, in den Blick, in unsere Mythen und Narrative − wir sollten daran arbeiten und tun es auch, immer mehr kommt ans Licht.

Die Tanzveteranin Beatrice Cordua thront vor ihren Schülerinnen.
Foto: Eva Würdinger

Das, wie gesagt, sollte einem alles vorher klar sein. Und dann geht man in diesen Abend und leidet, fühlt sich missbraucht, angefasst, ausgeliefert und − unrettbar dumm. Kein schönes Gefühl. Und indem man sich dagegen wehrt und sich zu schützen versucht, wird alles nur noch schlimmer. Man verschanzt sich hinter inneren Widerständen, die sich als bornierte Machterhaltungs- und Abwehrstrategien zeigen. Und empathische Reflexe geraten sofort unter Verdacht männlich-väterlicher Übergriffigkeit.

Selbst dem vermeintlich abgebrühten, in die Jahre kommenden Berufstheatergänger, der doch schon alles gesehen haben und gut im Diskurs- und Distanzierungstraining sein müsste, wird da an der intimsten Gemütslage herumgetriggert. Hat er das verdient, unser aufgeklärter Geselle? Muss das sein? Gäbe es nicht andere Kandidaten, die man an den Theatersessel binden sollte, damit sie sehen, was sie Frauen antun? Auch alles Fragen, mit denen man sich vor dem Angriff, den dieser Abend bedeutet, schützt.

Jetzt geht es ins Fleisch

Wie also geht das vor sich? „Tanz“ besteht − umspielt von vielen weiteren Nummern, Ausbrüchen und Ablenkungen − aus drei Akten, im ersten wird Frauen an Ballettbarren beigebracht, „wie man den Körper regiert“. Die Tanzveteranin Beatrice Cordua − einst Erste Solistin bei John Neumeier − leitet sie mit zarter Stimme an, bittet sie nach den ersten Pliés und Allongés die Kleidung abzulegen, weil es warm sei, sogar ihr, der von Beginn an Nackten. Körper kommen zu Vorschein, Naturprodukte, verschieden geformt, ausgestattet und geschmückt − aber gleich verletzlich. Es kippt: Die Meisterin inspiziert nun die Geschlechtsteile ihrer Schutzbefohlenen, wird von einem Orgasmus überrollt und gibt ein paar Tipps zum Masturbieren. Der zweite Akt spielt im Wald, ein Wolf jagt Hexen und Luftgeister und reißt ihnen die Extremitäten ab, eine Ratte wird geboren − oder der nächste Jäger? Die Bilder sind blutig und explizit, aber es ist noch ein Spiel.

Im dritten Akt geht es dann ins Fleisch. Die Darstellerin des Wolfes wird auf einen Pfahl gelegt, es geschieht (Pardon, Spoiler) ein fingierter Unfall, und die Stange bohrt sich durch den Unterleib. Echt sind dann die vier Haken die nach ausgiebigen Desinfektionsvorkehrungen durch die Rückenhaut einer weiteren Darstellerin getrieben werden, um sie daran aufzuhängen und schweben zu lassen. Man sieht ihre Beine vor Schmerz verkrampfen bei der Operation. Bis ihre Kolleginnen sie an den blutenden Wunden in die Höhe ziehen, reißt sie sich aber zusammen, dreht ihre Luftpirouetten, schließt die Augen und kriegt sogar ein liebreizendes Lächeln hin. Aufhören! Ich konnte nicht klatschen.

Tanz bis So, tgl. 20 Uhr, Sophiensäle, Kartentel.: 2835266 oder: sophiensaele.com