Eine Frau, brav und schick angezogen, in einem unifarbenen Set aus Pullover und Hose, sitzt mit dem Rücken zum Publikum aufrecht auf einer schmalen Bank. An der Seite neben einer Türe auf einem Stühlchen ebenso aufrecht: ein Museumswärter. Er hat uns im Blick und ebenso die Frau mit der wir gebannt auf ein ein übergroßes Gemälde schauen, auf Tizians „Venus von Urbini“. Auf eine der berühmtesten und rätselhaftesten Venus-Schönheiten der Kunstgeschichte, mit nacktem, schimmerndem Leib, üppigem Haar und einer Hand auf ihrer Scham, halb schützend, halb einladend − und dabei schaut sie uns so wissend, lasziv und offen an.

Die nächsten eineinhalb Stunden werden wir sie sehen, ihren Leib, ihren Blick − und alles, was auf der Bühne der Schaubühne geschieht, scheint mit ihr zu tun haben und mit diesen anderen beiden, fast noch beunruhigenderen Frauen im Hintergrund des Gemäldes.

Ohne Atempause treibt uns die spanische Gruppe La Veronal in ihrem Stück „Siena“ durch ein Sturmgewitter sich unaufhörlich verdichtender Assoziationen. Da sind die wie geklont wirkenden, in Fechtanzügen steckenden acht Tänzerinnen, die immer wieder die Bühne bevölkern. Da sind die Geschichten aus dem Off, Geschichten von anderen Bildern, anderen Museumsbesuchen.

Eine Frau rettet sich ins Museum, draußen regnet es, sie findet sich wieder vor diesem Bild, ihr Museumsführer fällt herunter, sie stößt mit jemanden an, gleichzeitig klingelt ihr Telefon. Peinlich so etwas, das kennt man. Die Fechterinnen ohne Degen, aber mit spitz stechenden Bewegungen, posieren in unterschiedlichen Formationen. Für Sekunden stellen sie Bilder nach, die man zu kennen meint, die einem aber gleich wieder entwischen. Da, dieses Anfassen der Brustwarze, das ist das Gemälde von Gabrielle d’Estrées, der Geliebten Heinrich des IV., und ihrer Schwester, das irgendwie auch von nicht eingelösten erotischen Versprechungen handelt, von Schuld und Macht des (männlichen) Blicks.

Es regnet im Museum

Immer wieder kippt die Szene. Nein, nicht draußen im Museum regnet es, sondern drinnen, und der Weg nach draußen ist nicht zu finden. Wir sind gefangen im Netz der Blicke und Assoziationen. Da ist die Krankenbahre, die herein gefahren wird, der Plastiksack in den die Betrachterin als Leiche verschlossen wird. Aber wer ist in Wahrheit gestorben? Verheißungsvoll rot und samten leuchtet der Boden hinter der vom Wärter bewachten Türe zum nächsten Museumsraum.

Der Tanz im August hat Halbzeit und während die erste Hälfte dem Betrachter einiges an Arbeit abverlangte, wartet jetzt, in der Mitte, das Theaterglück gleich doppelt. An dem einen Abend mit dem furiosen „Siena“ des gerade mal 32-jährigen, so ungeheuer metiersicheren Spaniers Marcos Morau, der in Deutschland bislang so gut wie unbekannt war. Am nächsten Abend im Haus der Berliner Festspiele mit Anne Teresa de Keersmaekers Gruppe Rosas und dem Musikensemble Icuts mit „Vortex Temporum“.

Der Auftakt des Tanz im August handelte sehr trocken und konzentriert von Einsamkeit, von der Anstrengung des Sich-Zeigens. Jetzt erlebt man mit Morau und de Keersmaeker den Zauber des Sichtbar-Werdens durch den Tanz. Denn das eint beide Stücke. So wie sich Morau auf die Spuren eines berühmten Gemäldes setzt, so setzt sich de Keersmaeker auf die Klangspuren von „Vortex Temporum“, dem Spätwerk des 1998 verstorbenen französischen Komponisten Gérard Grisey. „Musik sehen, dem Tanz zuhören“, ist ein Interview mit de Keersmaeker in der neu gegründeten Festival-Zeitschrift überschrieben, und das ist es, was der belgischen Choreografin − die uns schon mehrfach so sagenhaft die Minimal-Musik von Steve Reich hat sehen lassen – wieder einmal großartig gelingt.

Unaufhörliche kreis- und spiralförmige Bewegungen

Überhaupt, während man der Magie von Morau durchaus auf die Schliche kommen kann, scheint das bei de Keersmaeker nicht möglich. „Vortex Temporum“ bedeutet soviel wie „Zeitwirbel“, „Zeitstrudel“. Und mit den Musikern, die zunächst allein auf der Bühne stehen, und den hinzu kommenden sieben Tänzern wirbelt die Choreografin mit unaufhörlichen kreis- und spiralförmigen Bewegungen die Zeit tatsächlich durcheinander. Somnambul und unwirklich wirkt das Geschehen und gleichzeitig überwach, präsent, lebendig. Das Festspielhaus, dem man sonst atmosphärisch den Dornröschenschlaf als Gastspielhaus oft anmerkt, wirkt wie entzündet.

Die Tänzer folgen den Klängen nicht, sie scheinen sie eher aufzufangen, durch den Raum zu ziehen, auf den Boden fallen zu lassen. Am Anfang greift tatsächlich ein Tänzer wütend in die Tasten, wird der Steinway-Flügel hier und dorthin geschoben bis er, und mit ihm die Musiker im Hintergrund ihren Platz finden.

Vermutlich wird man nun wieder in die keinesfalls uninteressanten Mühen der Ebenen geschickt. Bei Marcelo Evelins Stück „Suddenly Everywhere is Black with People“, das am frühen Abend im Hau 2 lief, war man dort schon kurz angelangt. Evelin schickt schwarz angemalte Tänzer durch die auf der Bühne herum stehenden Zuschauer. Es geht um Dasein, um Spüren, Ängste.

Ganz ähnlich war erst vor wenigen Wochen das Gastspiel von Evelins brasilianischen Landsmännin Lia Rodridguez gearbeitet, nur theatraler und auch überzeugender. Aber uninteressant ist Evelins Ansatz nicht. Überhaupt, einen richtigen Einbruch hat es in diesem Jahr erst einmal mit den peinlichen Improvisationsversuchen von May Zarhy im Hau 3 gegeben. Keine schlechte Zwischenbilanz. Nur mehr Theaterglück, das kann man natürlich immer vertragen.