Tanz im August: Einmal Punk, immer Punk

Michael Clark steht kurz selbst auf der Bühne. In schwarzem Kittel und Ringelsocken zieht er einmal über die Diagonale, trifft sich in der Mitte mit einer seiner Tänzerinnen. Schief und freundlich grinsen sie sich an, lassen die Arme zirkulieren und dann ist er auch schon wieder verschwunden.

Es gibt Künstler, die sich ihr Leben lang mit ihren eigenen Legenden herumschlagen müssen und Michael Clark gehört unbedingt dazu. Irgendwann in den 90er-Jahren hat man ihn im Hebbel-Theater zum ersten Mal gesehen, mit einem unglaublichen, verstörenden Stück, in dem Clark miteinander kreuzte, was eigentlich nicht zu verbinden ist, vor allem Punk mit klassischem Ballett.

Heroinsucht, Entzug und eine darauf folgende langjährige Schaffenskrise

Er war da längst ein Superstar der internationalen Tanzszene, eng mit den Größen des Punk wie den Musikern von The Fall befreundet und stand schon kurz vor seinem Zusammenbruch: Heroinsucht, Entzug und eine darauf folgende langjährige Schaffenskrise. Immer wieder, wenn man später ein Stück von Michael Clark sah, sah man den Künstler mit, der er einst gewesen war. Einen mit einem Werk und einem Nimbus, übergroß und uneinholbar für ihn selbst.

„animal / vegetable / mineral“ heißt nun der dreiteilige Abend, den die Michael Clark Company im Rahmen vom Tanz im August im Haus der Berliner Festspiele zeigt. Und auf einmal, beim Zuschauen, verlässt einen dieses Gefühl, dass hier einer unfreiwillig unaufhörlich der eigenen Geschichte hinterherläuft – oder vielmehr vom Zuschauer immer wieder in diesen Vergleich gezwungen wird.

So poetisch und licht ist dieses Stück und so federleicht, bei aller harten Arbeit, die die sechs Tänzer leisten müssen. Denn ganz altmodisch arbeitet Clark mit einer klaren geometrischen Ordnung, mit vielen Geraden und Diagonalen im Raum wie in den Körpern. Auch wenn laszive Hüftschwünge und coole Posen sich verbinden: Gerade gestreckt werden die Beine und die Arme, getanzt wird in sauberer neoklassischer Technik. Ganz so, als hätte es die Dekonstruktion des klassischen Balletts nie gegeben, das Zerstückeln und Auflösen der Linien, das Schlingern der Bewegung in alle möglichen Richtungen.

Man muss kurz an die Eröffnungsrede von Virve Sutinen denken, der neuen Festivalleiterin, die zum Auftakt ziemlich charmant erklärte: „Yes, I love the Eighties.“ Sie schätzt die 80er-Jahre, neben vielem anderen, zu dem sie sich auch bekannte. Michael Clark, der aus einfachen Verhältnissen aus Schottland kommt und an der Londoner Royal Ballet School ein Ballettwunderkind war, bevor er mit 19 Jahren nach New York desertierte, wo er sich zunächst der Punk-Choreografin Karol Armitage anschloss, hat etwas sehr proletarisch bodenständiges: Einmal Punk, immer Punk.

Geist der 70er- und 80er-Jahre

Seine Arbeiten atmen den Geist der 70er- und 80er-Jahre. Aber wie Clark dies jetzt in „animal / vegetable / mineral“ transzendiert, das ist von großer, schwereloser, zeitloser Schönheit. Was unbedingt auch viel mit der ebenso schwerelosen und entrückten Musik der Postpunk-Band Scritti Politti zu tun hat. Mit sechs Songs aus deren Album „White Bread Black Beer“ wird in schwarzen Kitteln das erste Drittel des Abends bestritten. Zu Image Ltd. und den Sex Pistols wird noch eine interessante Schleife gezogen, zur Musik von Relaxed Muscle fällt der Abend dann allerdings, das muss man leider sagen, in ein enttäuschend illustratives Tanz-Posieren mit Video ab.

Mit viel Neugier erwartet wurde auch das Big Dance Theater, das, 1991 gegründet, eine feste Größe in der internationalen Performance-Welt ist. Im vergangenen Jahr haben deren Leiter ein Stück mit Mikhail Baryshnikov inszeniert. Es ist ein Rätsel, warum diese Gruppe bislang nie den Weg nach Berlin gefunden hat.

Melodramatisches Pathos aus „Doktor Schiwago“

Auch wenn „Alan Smithee Directed This Play“, mit dem sie nun im Hau 1 gastiert, vielleicht nicht ihre allerbeste Arbeit ist: Wie die Performer das melodramatische Pathos aus „Doktor Schiwago“ zitieren, es mit der gedrückten Coolness aus „Vier im roten Kreis“ und texanischem Mittelstandsdrama aus „Zeit der Zärtlichkeit“ kreuzen, wie das alles völlig zerschnippelt in Mini-Fragmenten dahin fließt, das hat Kraft, Intelligenz und Charme. Vielleicht, denkt man am Ende, sollte man noch einmal „Doktor Schiwago“ lesen. Und das ist bestimmt nicht der schlechteste Vorsatz, mit dem man ein Theater verlassen kann.

Noch am selben Abend lassen es drei Hiphopper, eine Sängerin und einer DJ in den Sophiensälen krachen „Kinshasa Electric“ heißt das Stück. Die drei Tänzer Popaul Amisi, Jeannot Kumbonyeki und Joel Makabi Tenda kommen aus dem Kongo, die DJ Baba Electronica ist Deutsch-Israelin und die Choreografin Ulla Sickle lebt in Brüssel. Es ist ein Stück aus einer globalen Clubwelt, die lokales und internationales zu verbindet. Mit einem Gefühl für Timing und mit ziemlich virtuosen Tanz. Jetzt ist man gespannt, wie es weiter geht, vor allem auf die Gruppe La Veronal, die wie keine andere des Festivals als großer Geheimtipp gehypt wird.

Tanz im August noch bis 31.8. Karten unter Tel.: 25900427 oder 2835266