Das internationale Tanzfestival „Tanz im August“ kann nach drei Jahren Einschränkungen endlich wieder in vollem Umfang stattfinden. In Berlin kann man in den nächsten drei Wochen 21 Produktionen von Künstler:innen aus aller Welt bewundern. Außerdem widmet die 34. Ausgabe des Festivals eine "Retrospective" an die Choreografin Cristina Caprioli. Man will zurückblicken auf über 20 Jahre Tanz, den Blick aber auch nach vorn richten.

Denn durch einen Blick in die Vergangenheit lernt man für die Zukunft. Virve Sutinen, die seit acht Jahren künstlerische Leiterin von „Tanz im August“ ist, entschied sich daher, Shows der Arbeit von Cristina Caprioli dieses Jahr dem Thema der Retrospektive zu widmen. Dabei sollen besonders auch die Tänzer:innen ihr eigenes Schaffen der letzten Jahre reflektieren.

Die Company Marrugeku etwa nutzt Tanz als Medium ihrer indigenen Identität. Die Künstler bringen auf die Bühne, was sie als Teil der australischen Bevölkerung erlebt haben und drücken ihre Gefühle darüber aus: „Oft wird von unseren Geschichten her nur erwartet, dass wir unser Trauma performen“, schreiben sie. „Stattdessen gehen wir weiter und überwinden die Erinnerung, indem wir Freude auf der Bühne zeigen, was dann zu unserem Widerstand wird.“

Auch die Gruppe City Horses liefert einen Aufritt ungewöhnlicher Art: Ihre Bühne bilden die Straßen Berlins, auf denen sie als Herde entlanggaloppieren. Es soll ein Zeichen der Befreiung darstellen und die zahlreichen Denkmäler und Skulpturen von Männern auf Pferden, die Berlin schmücken, kritisch hinterfragen. Ziel ist es nicht, möglichst ästhetisch auszusehen, sondern sich die vom Patriarchat beherrschte Vergangenheit zurückzuerobern.

Für Virve Sutinen geht eine Ära zu Ende

Für Virve Sutinen ist es das letzte Festival in Berlin nach acht Jahren künstlerischer Leitung. So hat das Motto der Retrospektive für die gebürtige Finnin auch eine persönliche Note. Für sie geht eine Ära zu Ende, auf die sie stolz zurückblickt.

Sutinens Werdegang zur international einflussreichen Figur in der Tanzbranche beginnt in der frühen Kindheit, als sie anfing, Ballett zu tanzen. Von einer Ballerina wird sie zur Punkerin – ihre rebellische Natur nutzt sie innerhalb eines Punk-Clubs schon damals zur Förderung von Kulturstätten. Bevor sie 2014 als künstlerische Leiterin des Tanz-im-August-Festivals im HAU anfängt, hatte sie bereits einen eindrucksvollen Lebenslauf hinter sich. In Helsinki studierte sie Literatur, Theaterwissenschaft und Soziologie, ihren Abschluss machte sie in New York.

Zurück in Finnland setzte sie Meilensteine in der Programmgestaltung des Museum of Contemporary Art Kiasma. „Wir haben bei null angefangen“, erinnert sie sich. Sutinen weiß, was sie kann: „Ich spürte, dass ich wegen meiner organisatorischen und menschlichen Fähigkeiten gebraucht wurde.“

Zwischen 2008 und 2013 konzentrierte sie sich stärker auf die Tanzszene, gründete europäische Tanznetzwerke. Über das Angebot von 2014, Kuratorin des August-Festivals zu werden, freut sie sich: „Ich bin ein richtiger Festivalmensch.“ Doch es bedeutete auch eine große Verantwortung. „Ich stelle mir in meiner Position philosophische, ästhetische und politische Fragen. Alles was wir machen, ist automatisch politischer Natur.“ Sutinen setzte dementsprechende Akzente: Feminismus, Diversität, gleiche Förderung aller Beteiligten.

Kritisch sieht sie insbesondere die Benachteiligung weiblicher Tanzender: „Männer verkaufen sich besser als Frauen. Das merkt man auch an den Ticketverkäufen.“ Für Sutinen ist das ein Ergebnis ungerechter Förderung auch seitens der künstlerischen Leitungen. „Bei Ballett ist es noch schlimmer.“ Junge Frauen bekämen nicht dieselbe Bühne wie junge Männer, müssten härter kämpfen, um sich hochzuarbeiten. Allein die Auswahl der Künstler:innen sei politisch, obwohl sie im Grunde nur fair und gleich auswählt.

Sutinen will mehr Menschen in die internationale Szene einbeziehen und so ein größeres Publikum gewinnen. Was letztlich auf der Bühne passiert, soll auch den Themen entspringen, die die Performenden selbst bewegt. Anstatt ein Oberthema vorzugeben, tritt sie in Dialog mit den Tanzenden und schaut, was an Themen bereits da ist. Die Choreografie-Expertin erkennt in den Antworten dann Muster und versucht, für das HAU-Programm ein Leitmotiv herauszuarbeiten, in dem sich alle Künstler wiederfinden können. „Ich gucke mir Tänze an und schenke den Dingen, die mich anfangs stören oder überraschen, besondere Aufmerksamkeit“, sagt sie, „so entdeckt man die wirklich interessanten Facetten.“

Performer:innen der australisch-indigenen Gruppe Marrugeku
Performer:innen der australisch-indigenen Gruppe Marrugeku

Interdisziplinäre Arbeit ist für Sutinen essenziell

Die letzten drei Jahre waren für Sutinen eine harte Zeit. 2020 konnte das Festival nur online stattfinden, auch 2021 gab es immer noch einige Einschänkungen. Aber auch hieraus zieht die 60-Jährige Positives. „Es war toll, weil wir noch enger mit den Künstler:innen für Online-Gespräche und Performances zusammengearbeitet haben. Es war aber auch traurig mit anzusehen.“ Das Arbeiten während der Corona-Zeit zeigte ihr, dass Online-Formate wichtig seien für Menschen, die auch in normaleren Zeiten bei keiner Live-Performance dabei sein können.

Man sei damit allerdings noch lange nicht am Ziel. Sutinen fordert daher noch mehr Unterstützung von außen. Außerdem gibt sie Künstler:innen eine Plattform im Rahmen des „Magazin im August“. Dort können sie ihre Gedanken zu ihren Tänzen einem breiteren Publikum in schriftlicher Form darlegen. Für Sutinen ist diese interdisziplinäre Arbeit – die Verbindung von Tanz und Schreiben – essenziell.

Sutinen hinterlässt dem internationalen Tanzfestival ein wichtiges Erbe. Für sie selbst geht es nach Jahren zwischen Berlin und Helsinki zurück in ihre Heimat. Bis 27. August kann man im HAU Berlin 87 Vorstellungen besuchen. Auf die Frage, wen sie bei dem Festival sehen möchte, antwortet sie kurz und knapp: „Everyone!“

Tanz im August: 34. Internationales Festival Berlin. Hebbel am Ufer, Haus der Berliner Festspiele, Sophiensaele und weitere Veranstaltungsorte, von 5. bis 27. August. Tickets unter: www.tanzimaugust.de