Berlin - Virve Sutinen sitzt im WAU, dem Wirtshaus des HAU, und wirkt fast ein wenig apathisch. Heute beginnt das Festival Tanz im August, das erste unter ihrer künstlerischen Leitung, und es scheint als habe die finnische Kuratorin innerlich alle Gänge heruntergefahren. Als sei sie im Wartemodus, bevor es mit einem gewaltigen Sprung losgeht: Das Festival beginnt morgens um zehn Uhr und endet spät in der Nacht. Es gibt ein Symposium zum Auftakt, Ausstellungseröffnungen und drei Premieren. Sutinen, so viel steht fest, liebt die Überforderung. Sie selbst ist eine quecksilbrige, hellwache Person.

Nur jetzt eben ist alles ein wenig langsamer. Für Sutinen steht einiges auf dem Spiel: Eine Stadt will erobert werden. Sicher, der Tanz im August ist ähnlich wie die Berlinale und das Theatertreffen ein Selbstläufer. Um Publikum muss man sich keine Sorgen machen. Aber es geht um mehr. Als am Ende der letzten Festivalausgabe – der 25. Jubiläumsausgabe, die Bettina Masuch kuratierte – Sutinen feierlich als neue Festival-Chefin vorgestellt wurde, ließ der damalige Kulturstaatssekretär André Schmitz keinen Zweifel daran: Mit der Wahl von Sutinen soll eine neue Ära eingeläutet werden.

Fast zwei Jahrzehnte wurde der Tanz im August von der Gründerin Nele Hertling geleitet, gemeinsam mit den Partnern André Thèriault und Ulrike Becker. Es folgte der Hebbel-am-Ufer-Chef Matthias Lilienthal in Kooperation mit seinen wechselnden Tanzkuratoren sowie dem Gespann Thèriault/Becker. Es gab bessere und schlechtere Ausgaben. Insgesamt aber, das war schon die Kritik während der letzten Hertling-Jahre, litt das Festival ein wenig an Beliebigkeit. Das war nicht zuletzt den vielen beteiligten Leitungspersonen geschuldet, die statt miteinander immer mehr gegeneinander arbeiteten. Jetzt gibt es nur noch eine Handschrift und – auch wenn das Festival in der ganzen Stadt stattfindet – einen Partner: das HAU von Annemie Vanackere.

Damals, bei ihrer Ernennung, sagte Sutinen, dass die erste wichtige Herausforderung für sie sei, die Stadt kennenzulernen. Dass man ein Gefühl entwickelt und ein Verständnis für den Ort, an dem man arbeitet, ist für sie ein oberstes Theatergebot. Sie sei ein Small-Town-Girl, beim Kennenlernen und Verstehen, da sei sie immer noch dabei, sagt sie jetzt. Im Januar ist sie nach Berlin gezogen.

Haushalten mit dem knappen Budget

Sutinen hat nach ihrer Tanzausbildung früher einmal in Helsinki einen Punk-Club gegründet und Häuser besetzt. Ein Umstand, der sie unbedingt für Berlin qualifiziert. Zuletzt hat sie sechs Jahre sehr erfolgreich das Dansens Hus in Stockholm geleitet. Davor einige andere Festivals. Sie ist schon lange im Geschäft, bestens vernetzt.

Die Bezeichnung Kurator lehnt sie für ihre Tätigkeit ab, es klingt ihr zu künstlerisch. Sie sieht sich als Produzentin, als Detektivin, die Neues aufspürt, als Anthropologin, als Dramaturgin. „Ich will mich da nicht festnageln lassen“, sagt sie und schaut gewitzt. Es ist ein Spiel, das sie spielt. Etwas Neues aufzubauen, eine eigene Handschrift zu entwickeln, ein Festival, das mit ihr als Leiterin identifiziert wird, das ist ein Projekt über eine lange Strecke. Um eigene Visionen zu entwickeln, muss man erst mal gut wissen, auf welcher Grundlage man es tut.

Die Jahre, als Berlin im Geld schwamm, sind lange vorbei, und sie kommen nicht wieder. Virve Sutinen muss haushalten. Der Nimbus der Zeiten, als Nele Hertling dank geschickter Partnerschaften nicht nur einige Theaterhäuser der Stadt, sondern auch alle drei Opern bespielen konnte, mit der Merce Cunningham Company und den drei Compagnien des Nederlands Dans Theater, wird auf immer uneinholbar bleiben. Es sind die Berliner Festspiele die überhaupt noch die Mittel haben, Compagnien dieser Größenordnung in die Stadt einzuladen.

Gespannt auf die chemische Reaktion

„Meine Aufgabe“, sagt Sutinen, „ist eine andere.“ Sie redet nicht über die richtige Mischung, die ausgewogene Balance zwischen großen und kleinen Formaten oder zwischen den unterhaltsameren und sperrigeren Stücken. Auf Vorlieben für bestimmte Strömungen will sie sich nicht festlegen lassen. Aber Kunst, das stellt sie klar, ist für sie etwas Politisches, etwas von gesellschaftlicher Relevanz. Konkreter wird Sutinen bei dem, was sie nicht mag: Wenn intellektuelle Arroganz spürbar wird, wenn Künstler und Gruppen sich isolieren, man nur dazugehören kann oder draußen bleibt. So, wie es etwa die Konzepttanz-Szene sehr dogmatisch für mehr als ein Jahrzehnt auch in Berlin kultiviert hat.

„Aber das ist vorbei“, sagt sie. Es gibt wieder mehr Freiheit, mehr Lust an der Bewegung. Verspielt wirkt das Programm, das sie aufgestellt hat. Viele in Berlin unbekannte Gruppen sind dabei, und ein neuer Stil wird durchaus erkennbar. Ihr Agieren ist die Folge von genauer Analyse. Als eines ihrer ersten Schritte hat die neue Festivalchefin die Programme aller vergangenen 25 Tanz-im-August-Festivals studiert, Listen angefertigt mit Künstlern, die sie kennt, die sie einladen würde oder nicht einladen, würde. Wer wann, wo und wie oft hier war.

Man traut Virve Sutinen zu, dass sie in den kommenden Jahren eine neue gestaltende Kraft in der Tanzszene der Stadt wird. Aber erst mal muss das Festival anlaufen, muss sie die Zuschauer und auch den neuen Kulturstaatssekretär Tim Renner überzeugen. „Man weiß nie, ob es funktioniert, auch nach all den Jahren nicht“, sagt Sutinen. „Immer kann einem die Mischung, die man zusammengebraut hat wie in einem Chemielabor um die Ohren fliegen.“ Sie sagt das sehr ruhig und beugt sich dabei so tief und konzentriert über ihre Kaffeetasse, als ließe sich darin schon etwas von den kommenden chemischen Reaktionen erahnen.