Berlin - Es gibt Stücke, die einen beglücken, einfach, weil es in ihnen gelingt, die ältesten, die viele tausend Male gezeigten Theatertricks in einem neuen Kontext zu zeigen. Wie bei der Choreografin Ambra Senatore aus Turin zum Beispiel, die am Tag vier des Festivals Tanz im August im Hau 1 mit „Passo“ ein intelligentes, absurd-komisches Spiel über das Berlusconi-Italien präsentierte, über die ganz eigene Showgirl-Kultur, die das Land unter ihrem Bunga-Bunga-Präsidenten entwickelt hat. Wäre es nach uns gegangen, gerne hätte es Ambra Senatore dabei auch etwas mehr krachen lassen können.

Aber Senatore ist nicht nur Tänzerin und Choreografin, sondern auch Tanzwissenschaftlerin und überhaupt eine eher vornehm wirkende Person. Also steht sie da zunächst allein an der Rampe, gekleidet in ein leichtes, schickes Kleid aus grünem Strick, eine schwarze Perücke auf dem Kopf, die man aber nicht gleich als eine solche erkennt, und übt sich in zeitgenössischen Tanzposen.

Geschickter Schachzug

Mit Anmut, aber dann, nur dezent angedeutet, unterbricht sie sich selbst auf merkwürdige Weisen. Weil offenbar die Nase juckt und der Slip nicht ganz richtig sitzt und überhaupt läuft sie auch mal hin und her und verschwindet immer mal in der Gasse. Und dann dauert es eine Weile, bis man bemerkt, dass da offenbar gar nicht mehr dieselbe Person unterwegs ist, sondern einfach nur eine identisch gekleidete.

Nach einer Weile hat sich die Person verdreifacht. Irgendwann mischt sich erst einer, dann auch ein zweiter Mann darunter. Ebenfalls mit Perücke und Strickkleid natürlich. Senatore führt uns am Nasenring vor. Sie zeigt uns, dass wir genau das haben wollen, diese billigen Tricks, wo einer im Halbdunkel fast über die Bühnenrampe stolpert etwa und noch gerade eben vor dem Absturz gerettet werden kann. Wo ein Mann Frauenkleider trägt, ganz unauffällig, wäre da nur nicht der Bart in seinem Gesicht, und ein anderer wieder stolpert herum wie ein unbeholfener Tölpel. Dass man sich Dinge aus dem Publikum leiht, etwas grob damit umgeht und dann, Überraschung, gibt es die gleichen Sachen doppelt.

Senatores geschickter Schachzug ist es, nie die Veline selbst zu kopieren, diese Girls, die aus dem italienischen Berlsuconi-TV nicht mehr wegzudenken sind und in italienischen Wörterbüchern schon seit der Jahrtausendwende als „junge, spärlich bekleidete Frauen, die im Rahmen von Fernseh-Sendungen auftreten“ umschrieben werden. Stattdessen übersetzt Senatore die billigen Gesetzmäßigkeiten der Veline-Welt in die des zeitgenössischen Tanzes. Und ja, sie macht uns damit glücklich.

Am Tag zuvor saßen wir etwas ratlos in der Akademie der Künste bei einer Produktion der in Tunis und Lyon beheimateten Choreografen Aicha M’Barek und Hafiz Dhaou. Ihr Stück „Kharbga – Power Games“ war inspiriert von dem Strategiespiel Kharbga, das in nordafrikanischen Ländern mit kleinen Steinen meist direkt auf dem Boden gespielt wird. Viele Steine, zu einer Hügellandschaft aufgehäuft, bedeckten auch die Bühne. Aber die durchaus fähigen Tänzer gingen darin, immerzu um die eigene Achse kreiselnd, schlicht verloren.

Es funktionierte mit dem Publikum

Einiges versprochen hatte man sich von Lisbeth Gruwez, die am Dienstag im Podewil „It’s going to get worse and worse and worse, my friend“ zeigte. Ein Solo, entwickelt zu einer Rede des ultrakonservativen TV-Predigers Jimmy Swaggart.

Gruwez hat zwar eine ordentlich durchchoreografierte Arbeit vorgeführt, und sie selbst, auch das steht außer Frage, ist eine starke Performerin. Aber sie hat es sich gleichzeitig zu leicht und zu schwer gemacht. Denn Jemand, der solche Art von Reden mit fanatischem Gesichtsausdruck kommentiert, mit scharfen, zackigen Gesten, mit entsprechend soldatisch-bürokratischem Kostüm, kann der Sache schlicht nicht beikommen.

Ein Kippen in ganz andere Sphären, ins Komische, Groteske, Träumerisch-Fantastische, das wären vielleicht Möglichkeiten gewesen. So saß man ratlos vor dieser sehr eindimensionalen Performance und ließ sich gern von der jungen Lee Meir bezaubern, die im Anschluss mit „Translation included“ noch ein kurzes Solo präsentiert. Ob das funktioniert mit uns, fragte sie ebenso zweifelnd wie charmant das Publikum. Bestimmt!

Tanz im August

bis 25. 8.

Infos unter: T. 25 90 04 75

oder www.tanzimaugust.de.