Tanzsoli sind eine brutale Angelegenheit. Man ist zurückgeworfen auf sich selbst, den eigenen Körper und den ihn umgebenden Raum. „One more than one“ heißt das Solo, das die Tänzerin und Choreografin Riki van Falken in den Uferstudios zeigt. Die Arme wippen, pendeln, kreisen hier- und dorthin, der Körper stellt sich in Diagonalen, kippt auf einem Bein, richtet sich auf. Sägende Violinklänge rammen die Gestalt mit Wucht in den Boden.

Aber ein anderes Mal geht der Schlag wie vorbei und die Tänzerin steht neben diesem Einschlag und nimmt in der Stille ihre Bewegung wieder auf. Sortiert ihren Körper, definiert die Raumachsen, die Spielräume, die geometrische Ordnung. Und doch, so abstrakt dies alles sein mag, so ausdruckslos sich das Gesicht der Tänzerin auch verschließt: Fragil und persönlich wirkt es.

Zuweilen umschlingt die Tänzerin ihren Nacken mit einem Arm, für einen kurzen Moment hält sie die Hand vor das Gesicht als wäre es ein Spiegel und streicht sich die Haare aus der Stirn, so als hätte es einmal jemanden gegeben, der das für sie tut. Kurz vibriert die Hand vor dem Herzen. Aber dann gilt es schon wieder, sich den Möglichkeiten und den Herausforderungen des Raums zu stellen.

Es gibt Soli in denen spielerisch ganze Welten imaginiert werden. Riki van Falken tut uns diesen Gefallen nicht. „One more than one“ ist eine Setzung, eine Tänzerin auf der Bühne mit nichts als mit sich selbst und dem sie umgebenden Raum konfrontiert. Wobei so, wie Riki van Falken mit der Musik von Heiner Goebbels und Steve Reich umgeht, auch dies wie ein Klang- Raum erscheint. Konsequent konfrontiert uns die Choreografin mit der Tatsache, dass jeder Mensch auf sich selbst zurückgeworfen und letztlich allein ist.

Prägende Figur der Tanzszene

Riki van Falken ist sechzig Jahre alt. Einige Jahrzehnte lang gehörte sie zu den prägenden Figuren der Berliner Tanzszene. In den letzten Jahren war es still um sie geworden. Jetzt wurde sie im Januar mit dem Willms-Neuhaus-Preis ausgezeichnet und hat aus diesem Anlass ihr 2002 entstandenes Solo „One more than one“ wieder aufgenommen und neu befragt. Vor zwölf Jahren war dieses Stück Abschluss einer Trilogie in der sich van Falken mit dem Tod ihres Lebensgefährten auseinandersetzte. Mit der inzwischen vergangenen Zeit, dem Abstand und dem für eine Tänzerin sehr hohen Alter hat sich das Stück noch einmal geweitet, ist grundsätzlicher geworden, gleichzeitig härter und weicher in der Weise in der van Falken in sich hinein hört und in Selbstgespräch mit ihrem Körper vertieft.

Zart und durchlässig sind die Bewegungen geblieben. Geometrie kann fast alles, lautet ein Credo van Falkens, und das ist keinesfalls herzlos gemeint. Im Gegenteil. Nicht der Geist füllt den Raum, sondern der Körper. Aber dieser Körper ist durchdrungen von Geschichte, von Schmerz, Glück, Erinnerungen. Ein gesamtes Leben hat sich in ihn eingeschrieben.

Uferstudios, 28. 2., 1. 3.; Karten unter 01805–700 73 33