Berlin - Wenn beim diesjährigen Tanz im August Leute in Grüppchen zusammenstehen und hoch erregt miteinander diskutieren, dann sprechen sie nicht unbedingt über die Aufführung, die sie gerade gesehen haben. Sie reden stattdessen über Kulturpolitik. Darüber, wer schuld ist. Wer wann welche strategischen Fehler gemacht hat. Kurz: darüber, wie es dazu kommen konnte, dass der Senat die Tanzförderung in seinem Haushaltsentwurf für die Jahre 2020 und 2021 um gerade mal 700.000 Euro für außerordentliche Maßnahmen aufgestockt hat.

Denn eigentlich hatten die Berliner Tanzschaffenden auf einen großen Wurf für den Tanz gehofft – und das zu Recht! Im Koalitionsvertrag haben die Regierungsparteien 2016 eine wesentliche Stärkung der Tanzszene vereinbart. Sie sollte nicht sofort erfolgen, sondern nach einer gründlichen Bestandsaufnahme und der Aufstellung eines Entwicklungsplans.

Genau das ist im vergangenen Jahr passiert. Ein Runder Tisch, zusammengesetzt aus Tanzschaffenden und Tanzexperten, wurde einberufen. Auch die Autorin dieser Zeilen gehörte dazu. Ein Jahr lang wurde intensiv an all dem gearbeitet, was es für einen alle Bereiche umfassenden Entwicklungsplan für den Tanz braucht. 100.000 Euro hatte die Kulturverwaltung für den Arbeitsprozess bereitgestellt.

Tanzhaus in Berlin? Frankreich allein hat 19 Tanzzentren 

Es gab Gruppen, die Konzepte für Residenzen, Stipendien und Tanzvermittlung ersannen – und es gab eine Gruppe, in der die Ansichten recht unversöhnlich aufeinanderprallten. In dieser Gruppe wurde die Idee für ein eigenes Haus für den Tanz verhandelt. Dass am Ende, nach mühsamem und zähem Ringen, im Abschlussbericht die Empfehlung für ein Tanzhaus trotzdem an erster Stelle stand, ist ein Zeichen für die ungeheure Disziplin der Szene.

Denn die Gründung einer Landesbühne für Tanz geht zunächst gegen die unmittelbaren Interessen all jener, die unter inakzeptabel prekären Bedingungen arbeiten und von einem solchen Haus selbst keine direkten Vorteile hätten. Die Zustimmung gegen die eigenen Interessen erfolgte aus der politischen Einsicht, dass eine solche Institution für den zeitgenössischen Tanz längst überfällig ist.

Der zeitgenössische Tanz etablierte sich ja erst als eigenständige Kunstform, als die bürgerlichen Kultureinrichtungen längst errichtet waren. In Frankreich hat man auf den Mangel bereits in den 80er-Jahren mit der Gründung von 19 nationalen choreografischen Zentren reagiert. In Deutschland hat das bislang nur Nordrhein-Westfalen mit dem Tanzhaus NRW und Pact Zollverein geschafft.

In Berlin verblieb der zeitgenössische Tanz in der freien Szene und professionalisierte sich dort – allerdings unter entsprechend prekären Bedingungen. Nun, das glaubten alle, sollte endlich auch hier etwas an der desolaten Lage geändert werden.

Tanz in Berlin und Staatsballett erhält jährliche Förderung von nur 15,3 Millionen Euro 

Der im Abschlussbericht vorgelegte Entwicklungsplan sieht nicht nur eine Stärkung der bestehenden Infrastruktur mit ihren vielfältigen Einrichtungen vor, sondern viele Bausteine sind erste Strukturmaßnahmen hin zu einem zukünftigen Tanzhaus. Und auch wenn die geforderten sechs Millionen Euro zu hoch gegriffen sein mögen: Mit den jetzt vorgesehenen 700.000 Euro lassen sich vielleicht ein paar Löcher stopfen, aber keine neue Struktur bilden.

Dieser Haushaltsentwurf macht vor allem eines deutlich: Der Kultursenator Klaus Lederer nimmt die Empfehlungen des Runden Tisches Tanz nicht ernst. Warum, darüber streiten sich nun die Beteiligten. Hätte sich die Szene vielleicht ausschließlich für ein Tanzhaus einsetzen müssen? „Nein“, sagt die für den Tanz engagierte Grünen-Politikerin und Kulturausschuss-Vorsitzende Sabine Bangert, „das kann man von der Szene mit ihren zum Teil ganz anders gelagerten Interessen nicht verlangen.“

Dass die geschlossene Front für ein Tanzhaus fehlte, ist nur eine der Mutmaßungen. Dass Klaus Lederer die Empfehlungen nicht ernst nimmt, weil sie von der Szene selber kommen, ist eine weitere. Aber warum hat er dann nicht externe Profis berufen? Sie wären am Ende wohl zu den gleichen Ergebnissen gekommen.

Etwa: In Berlin gibt es aufgrund der bestehenden Infrastruktur zu wenig große Bühnenproduktionen im Tanz. Die raren großen Gastspiele, etwa im Haus der Berliner Festspiele, werden regelrecht überrannt. Und: International erfolgreiche Künstler produzieren ihre Stücke hier oft unterhalb der Armutsgrenze. Das alles ist hinlänglich bekannt. Warum passiert nichts?

„Kulturförderung ist Spitzenförderung“, sagt Sabine Bangert. Es geht nicht darum, die freien Produktionen in der Breite auch nur annähernd mit Bedingungen auszustatten, wie sie in Landesbühnen die Regel sind. Es geht darum, Strukturmaßnahmen auf den Weg zu bringen, die im Tanz auch jenseits des Staatsballetts eine solche Spitzenförderung ermöglichen. Wobei der Tanz in Berlin inklusive Staatsballett insgesamt eine Förderung von jährlich nur 15,3 Millionen Euro erhält. Das entspricht dem Etat einer der kleineren Landesbühnen. Die Förderung und die Bedeutung der Kunstform Tanz befinden sich eindeutig in Schieflage.

Tanzhaus lässt sich nicht ohne Tanzschaffende betreiben

Warum interessiert sich der Kultursenator nicht dafür? Warum erscheint er nicht einmal zur Eröffnung von Tanz im August, sondern schickt seinen Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert, der sich dann mit den wütenden Protestierenden auseinandersetzen darf? Hier sei eine These gewagt. Die Berliner Tanzszene hat sich in den vergangenen Jahrzehnten notgedrungen so eng vernetzt, dass sie, vor allem was die ästhetischen Ausrichtungen angeht, undurchlässig geworden ist.

Wenn die Entwicklung eines zukünftigen Tanzhauses zu sehr in den Händen der Szene läge, bestünde wieder dieselbe Gefahr. Um das zu verhindern, müsste der Linke Klaus Lederer einen rigorosen Cut machen. Er würde damit sowohl das Gros der Tanzszene gegen sich aufbringen als auch seine Koalitionspartner, vor allem Sabine Bangert, die ganz auf die Kooperation mit der Szene setzt. Aber bevor er diesen unbequemen Weg geht, so der Eindruck, den man gewinnen muss, drückt er sich lieber ganz um das Problem herum.

Sicher wird es bei den 700.000 Euro für die Umsetzung der Empfehlungen des Runden Tisches nicht bleiben. Das käme einem Bruch des Koalitionsvertrages gleich. Aber auch eine Erhöhung der Summe wird noch lange kein Engagement für ein Tanzhaus bedeuten.

Darum aber müsste es vor allem gehen. Denn auch wenn sich ein Tanzhaus nicht ohne die Tanzschaffenden der Stadt betreiben lässt – damit etwas Neues entstehen kann, sollte der Auftrag an Externe gegeben werden.

Die entsprechenden Entscheidungen sollten der Kulturverwaltung vorbehalten bleiben. Dass der Weg Richtung Tanzhaus Schritt für Schritt und Hand in Hand mit der Szene gegangen wird, hatte diese geschickt geplant. Es ist nicht der richtige Weg. Der jetzige Haushaltsentwurf macht deutlich: Wird er weiter forciert, geht der Tanz wieder leer aus. Von Klaus Lederer allerdings müssten endlich klare Worte kommen, wie er die offensichtlichen Probleme zu lösen gedenkt.