Yağlı güreş- der türkische Nationalsport wird bei Caner Teker zur Momentaufnahme.
Foto: sophiensaele

BerlinAtmosphären der Orientierungslosigkeit und Ästhetiken, die Konzepte herkömmlicher Weltordnungen aufweichen, konnte das Publikum am Freitag bei einem starken Doppelabend der Tanztage erleben. Für „Kirkpinar“ lässt sich die nicht-binäre Künstlerperson Caner Teker vom türkischen Öl-Wrestling inspirieren.

Die Kantine der Sophiensäle, ein fensterloser Raum im Untergeschoss jenes Gebäudes, das zum sechsten und letzten Mal unter der Leitung von Anna Mülter Arbeiten des choreografischen Nachwuchses beheimatet, gleicht einem dubiosen Hinterhof-Club. Einen besseren Ort für eigenwillige Weltbewältigungsstrategien hätte die Männerriege aus dem Film „Fight Club“ vermutlich auch nicht finden können.

Yağlı güreş- türkischer Nationalsport

Doch auch wenn das spannungsgeladene Sounddesign   (düsteres Wummern, bedrohliches Schnaufen und Aufreißen von Klettverschlüssen) sowie das androide Raubkatzen-Gebaren von Teker und Aaron Ratajczyk zunächst auf Hartgesottenes hindeuten, tritt der erwartete Gewaltakt nicht ein. Sorgsam, beinahe liebevoll werden die männlich-muskulösen Körper, oben ohne und unten in Lederhosen, erst einzeln und dann auch mal gegenseitig eingeölt.

Im durch Absperrgitter abgegrenzten Schaukampffeld sinken die vermeintlichen Kampfmaschinen gemeinsam zu Boden und verwandeln Momentaufnahmen bekannter Wrestling-Posen in einen intimen Dialog zweier Körper, die nach einer symbiotischen Überwindung vorgegebener Identitäten suchen. Anders als etwa beim Künstlerduo Schubot und Gradinger, das in der Berliner Tanzszene in Sachen Ich-Entgrenzung als Vorläufer gilt, erfährt das Ereignis bei Teker eine beinahe transzendentale Aufladung.

Das Publikum steht dabei atmosphärisch mit im Ring. Dafür sorgen unter anderem tranceartig wiederholte, sakral-chorale Soundschleifen – ein absolut stimmiges Verdreh- und Aufweichungs-Spiel vermeintlich gegensätzlicher Kategorien!

Pole zum Schmelzen bringt auch „Neptune“ von Lois Alexander. Aus einer autobiografischen Perspektive als Woman of color heraus wirft sie einen Blick auf den kolonialgeschichtlich bedingten Dualismus zwischen Schwarz und Weiß und stellt ihn über physische Form- und Zustandsveränderungen kritisch inFrage.

Kolonialgeschichtlich bedingter Dualismus

Die zwei wesentlichen Attribute, die Alexander zusammenbringt – Eisblöcke hängen an Ketten von der Decke des Hochzeitssaals –, eröffnen ein semantisches Feld, das sich aufgrund der Eigenwirksamkeit des Materials Wasser selbst außer Kraft setzt. Versuche, das Stück mit kühler Ratio zu begreifen, gleiten hier ab.

Eine mythologisch und kulturhistorisch angereicherte Bedeutungsschwere scheint Konzept zu sein, um das Publikum in eine Orientierungslosigkeit zu führen. Geschichtsschreibung, so könnte man Alexander verstehen, ist an Machtverhältnisse gebunden, die marginalisierte Realitäten ausblenden.

Insgesamt spiegelt dieser Doppelabend eine Tendenz des zeitgenössischen Tanzes wider, das eigene Medium in Verbindung mit der seelenverwandten Sprache der bildenden Kunst auf sinnlichere, intuitivere und hierarchiefreiere Möglichkeiten der Wissensbefragung- und -generierung hin zu erproben. In dieser Suche sind Alexander und Teker bereits ziemlich stark.

Tanztage

 bis 18.1.2020 www.sophiensaele.com