Aurora Dickie auf der Bühne.
Foto: imago images/Martin Müller

BerlinBei YouTube tanzt Aurora Dickie noch. Sie trägt einen weit schwingenden weißen Rock. Der Prinz, ganz in schwarz, reicht ihr die Hände. Sie dreht eine Pirouette. Dann hebt er sie in einer weichen, fließenden Bewegung hoch und trägt sie davon. Alles wirkt ganz leicht. So wie es sein sollte im klassischen Tanz.

Der Film ist ein Blick in die Vergangenheit. Er wurde am 16. März bei den Proben für Schwanensee aufgenommen, einen Tag, bevor wegen der Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus alle Aufführungen und Proben für Berliner Tänzer abgesagt wurden. Seitdem gehört der Ballettsaal zu den verbotenen Zonen. Aurora Dickie steht nur noch ein Streifen Linoleum für ihre Pirouetten zur Verfügung. Ein zwei Meter mal 1,50 großer, aufrollbarer Tanzteppich, zu Hause im Wohnzimmer zwischen Stehlampe, Wand und Sofa ausgerollt.

Aurora Dickie ist Solo-Tänzerin am Staatsballett in Berlin. Geboren wurde sie in Recife in Brasilien. Vergangene Woche hatte sie Geburtstag, nun ist sie 32 Jahre alt. Normalerweise hat sie jeden Tag Training. Das ist auch so geblieben. Trotz Corona. Mittlerweile dehnt und dreht sie sich allerdings zu Hause in ihrer Wohnung.

Die Kompagnie hat ihren 90 Tänzern ein kleines bisschen Tanzboden nach Hause geliefert. Mit den Ballettmeistern sind sie nur noch über einen Videostream verbunden – einmal am Tag, für die Übungen. „Es hat Wochen gedauert, mich an diese neue Wirklichkeit zu gewöhnen“, erzählt Aurora Dickie bei einem Telefongespräch direkt nach dem Training. „Es ist mir schwergefallen, den Gedanken überhaupt zuzulassen, dass wir jetzt für eine sehr lange Zeit nicht auftreten werden, kein Publikum haben. Alle Tänzer auf der ganzen Welt sind jetzt in dieser Situation. Wir gehen damit um, wir trainieren zu Hause. Wir unterstützen uns gegenseitig. Aber das ist ein großer Verlust. Wir leben ja eigentlich nur für den Auftritt“, sagt sie.

Letzteres klingt ein wenig pathetisch. Allerdings braucht man sich nur vor Augen zu führen, mit wie viel Disziplin Tänzer von frühester Kindheit an ihren Körper formen, um eines Tages auch der Bühne ganz vorne zu stehen. Denkt man eine Weile darüber nach, kann man auch ermessen, wie groß der Verlust sein muss. „Ich bin traurig darüber. Aber ich verstehe auch, dass dies der richtige Weg ist, um mit diesem Virus umzugehen“, sagt Aurora Dickie.

Große Sprünge im wortwörtlichen Sinn kann sie derzeit nicht machen. Und das ist nicht nur eine Frage des Platzes. Aurora Dickie lebt allein. Sie hat sich ein kleines Trainingszimmer eingerichtet. Der Boden, der mit dem Tanzteppich bedeckt ist, ist allerdings zu hart für große Sprünge. Unter den Tanzboden hat sie Yoga-Matten geschoben, um ein wenig mehr federnde Wirkung zu erzielen. Draußen im Park auf einer Wiese wäre die Verletzungsgefahr allerdings noch größer. Deshalb arrangiert sie sich lieber mit dem geringen Platz.

Seit fünf Jahren ist Aurora Dickie beim Staatsballett und fast ebenso lange Solotänzerin. Sie ist auf klassischen Tanz spezialisiert. In modernen Choreographien tritt sie allerdings auch auf.

90 Tänzer hat das Staatsballett. Derzeit wird intern darüber diskutiert, ob die Tänzer in Kurzarbeit geschickt werden sollen. Aber auch das wäre - verglichen mit der Situation freischaffenden Tänzer - schon eine privilegierte Situation.

Bis Ende Juli wurden erst einmal alle Aufführungen abgesagt. Aurora Dickie hofft darauf, dass es danach irgendwie wieder weiter gehen wird mit dem Tanz. „Wir können bis zu einem gewissen Grad fit bleiben“, bemerkt sie. Wie das aussieht, kann man sich auf Instagram anschauen. Dort hat sie sie ein Trainingsvideo veröffentlicht.